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AfD Petry lässt die Bombe platzen

Frauke Petrys Alleingang ist der Schachzug einer Unberechenbaren. Sie befeuert damit den Richtungsstreit ihrer Partei.

Frauke Petry nach der Bundestagswahl
Petry nimt Abschied. Nach ihrem denkwürdigen Auftritt bei der Bundespressekonferenz marschiert sie ohne Worte an die Journalisten in Richtung Auto. Foto: dpa

Die Vorstellung am Tag 1 nach der Wahl beginnt mit Artigkeiten. Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der selbsternannten Alternative für Deutschland, bedankt sich höflich bei der Presse, dass sie so zahlreich erschienen ist. Das ist nicht immer so bei der AfD, aber sie hat so gut abgeschnitten, dass man sich einmal generös zeigen kann. Die AfD zieht als drittstärkste Kraft in den Bundestag, sie ist überwältigt vom eigenen Erfolg. An diesem grauen Montag in Berlin hat sie das Privileg, sich als erste Partei in der Bundespressekonferenz den Fragen der Medien zu stellen. Das ist ein Zufall, die Reihenfolge der Auftritte wurde festgelegt, ehe jemand wusste, wie die Wahl ausgehen wird.

Noch ahnt niemand, was sich hier gleich zutragen wird.

Ein Quartett stellt sich erst einmal zum Gruppenbild auf, der Größe nach. Ein Zufall?. Ganz links steht Jörg Meuthen, einer der beiden Parteivorsitzenden, neben ihm ein sichtlich übernächtigter Alexander Gauland, der zweite Spitzenkandidat, es folgen Weidel und, zuletzt ein seltener Gast in Berlin, die zweite Vorsitzende der Partei, Frauke Petry. In Berlin machte sie sich inzwischen rar. Weidel und Gauland geben sich zunächst staatstragend, sie geloben, dass sie den Wählerauftrag ernst nehmen und seriöse Oppositionspolitik machen wollen. Von einem Vertrauensvorschuss ist die Rede.

Petry spricht von „inhaltlichem Dissens“ 

Dann platzt die Bombe, wie es Meuthen später selbst ausdrücken wird. Petry ergreift das Wort, freut sich, lieb lächelnd, auch noch einmal über den Wahlausgang, darüber, dass die AfD bei ihr in Sachsen sogar stärkste Partei geworden ist und dass sie Politik aktiv gestalten möchte. Was sie darunter versteht, teilt sie wenig später lapidar mit. Es gebe einen „inhaltlichen Dissens“ in der Partei, den man nicht totschweigen dürfe. Deswegen werde sie der neuen Fraktion nicht angehören, weitere Fragen werden nicht beantwortet. Danach steht Petry auf und verlässt den Saal.

Das Podium sitzt versteinert. Der Schritt, das wird schnell deutlich, war mit niemandem abgesprochen. Ganz überraschend kommt er trotzdem nicht. Schon seit dem Kölner Parteitag im April, auf dem Petry von einer Mehrheit der Delegierten bis zum vollkommenen Gesichtsverlust demontiert wurde, ist sie, die lange Zeit als „das weibliche Gesicht“ der AfD galt, isoliert. Sie scheiterte dort mit ihrem Ansinnen, die Partei stärker auf einen realpolitischen Kurs zu orientieren, ein entsprechender Leitantrag kam nicht einmal zur Abstimmung. Aufgeben mochte sie trotzdem nicht.

In der Woche vor der Wahl allerdings verdichteten sich die Gerüchte, dass Petry, die stets Unberechenbare, etwas plant, von einem möglichen Putsch ist die Rede, nachdem sie ihre beiden Spitzenkandidaten scharf angegriffen hat. Am Montag legt sie im ZDF-Morgenmagazin nach, kritisiert die Äußerungen Gaulands. „Das ist die Rhetorik, glaube ich, von der ich gesprochen habe, dass gerade der bürgerliche Wähler sie nicht als konstruktiv empfindet“, sagt sie. Sie bezieht sich damit auf die Drohung Gaulands vom Abend zuvor, die nächste Bundesregierung jagen zu wollen.

Ganz sicher hat die 42-jährige Politikerin aus Sachsen, die dort sogar ein Direktmandat gewonnen hat, ihren Entschluss nicht spontan getroffen. Schon seit ihrer Demütigung in Köln gibt es Gerüchte, dass sie von einer neuen AfD träumt. Als Einzelabgeordnete werde sie im Bundestag bleiben, sagt sie draußen noch kurz. Dann verlässt sie das Haus. Aber was heißt das? Wie groß ist die Gefahr, dass sie eine nennenswerte Zahl von Gleichgesinnten mitnehmen könnte? Um eine neue Fraktion zu gründen, müsste sie die Fünfprozenthürde überspringen, also etwa 35 Abgeordnete hinter sich scharen. Sie könnte aber auch nur eine Gruppe gründen, die weniger Rechte hat als eine Fraktion.

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