Lade Inhalte...

Bundestag Große Mehrheit für Beschneidungsgesetz

Eltern dürfen selbst entscheiden, ob sie ihre Jungen aus religiösen Gründen beschneiden lassen oder nicht. Der Bundestag hat das vieldiskutierte Beschneidungsgesetz mit großer Mehrheit verabschiedet.

12.12.2012 08:25
Bettina Vestring
Wenn Deutschland auch für fromme Juden Heimat sein will, muss die Beschneidung von neugeborenen Jungen erlaubt sein. Foto: epd

Fromme Juden haben keine Wahl. "Und acht Tage alt soll beschnitten werden bei euch jegliches Männliche in allen euren Generationen", befiehlt ihnen ihr Gott im Buch Genesis. "Ein vorhäutiger Mann, der sich nicht beschneiden lässt am Glied seiner Vorhaut, diese Seele werde ausgerottet aus ihrem Volke, meinen Bund hat er gebrochen." So groß die Bedenken der Kinderärzte ist, so skeptisch auch viele Juristen sind, eines ist klar: Wenn Deutschland auch für fromme Juden Heimat sein will, muss die Beschneidung von neugeborenen Jungen erlaubt sein.

Genau so sehen das Bundesregierung und Bundestag; das Parlament verabschiedete deshalb heute mit großer Mehrheit das "Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes": 434 der Abgeordneten stimmten am Mittwoch in der namentlichen Abstimmung für den von der Bundesregierung vorgelegten Entwurf. 100 stimmten dagegen, 46 enthielten sich.

Das Gesetz erlaubt es Eltern, im Rahmen ihres Sorgerechts über die Beschneidung zu entscheiden, ohne dass es für den Eingriff medizinische Gründe geben muss. Auch Muslime sehen die Beschneidung als religiöses Gebot; allerdings müssen muslimische Jungen nicht schon als Neugeborene beschnitten werden.

Interessant ist, dass der Gesetzgeber darauf verzichtet, ein religiöses Motiv vorzugeben. Gesinnungsschnüffelei soll es nicht geben. Die Operationen müssen allerdings "nach den Regeln der ärztlichen Kunst" durchgeführt werden, schreibt das Gesetz vor. Das bedeutet, dass nur ein Arzt oder ein speziell ausgebildeter Beschneider, ein Mohel, wie ihn die jüdische Religion kennt, den Eingriff vornehmen darf.

66 Abweichler

Der Verweis auf die ärztliche Kunst bedeutet außerdem, dass der Junge eine Betäubung oder eine Narkose erhält. Allerdings ist das bei Neugeborenen nicht möglich - ein Grund, warum gerade die Beschneidung nach den jüdischen Geboten so umstritten ist. Kinderärzte hatten bis zuletzt davor gewarnt, die Beschneidung sehr kleiner Jungen zu legalisieren. Sie bevorzugten den alternativen Gesetzesentwurf, den 66 Abgeordnete von SPD, Grünen und der Linksfraktion eingebracht hatten. Er hätte Beschneidungen erst ab dem Alter von 14 Jahren erlaubt. Auch über diesen Entwurf stimmt der Bundestag heute ab, er gilt aber als chancenlos.

Im Beratungsverfahren hatten die Kinderärzte davor gewarnt, dass nach einer Beschneidung relativ häufig Infektionen und andere Komplikationen auftreten; zudem würden Männer, die beschnitten worden sind, beim Sex später womöglich weniger Lust empfinden können. Die Ärzte sahen sich durch das Landgericht Köln bestätigt, das im Mai die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung gewertet hatte.

Zufriedene Justizministerin

Dieses Urteil aus Köln hatte zu heftigem Protest der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland geführt; Ärzte und Beschneider, die den Eingriff bis dahin ohne eine ausdrückliche rechtliche Grundlage ausgeführt hatten, waren zutiefst verunsichert. Die Bundesregierung hatte daraufhin sehr zügig den Gesetzentwurf vorgelegt, der heute beschlossen werden soll. Sie wollte unbedingt verhindern, dass sich Juden ausgerechnet in Deutschland, dem Land des Holocausts, an der Ausübung ihrer Religion gehindert sehen.

"Das Beschneidungsgesetz führt in die Normalität zurück, die bis zum Mai dieses Jahres für alle selbstverständlich war", sagte jetzt Bundesjustizminister Sabine Leutheusser-Schnarrenberger der Nachrichtenagentur dpa. "Eltern können sich für eine fachgerechte Beschneidung ihres Sohnes entscheiden."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen