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Bundespräsident Gauck Der Osten schießt sich auf Gauck ein

Hinter der Kritik an den Militär-Äußerungen des Bundespräsidenten stehen alte Ressentiments. Die Ostdeutschen tun sich schwer mit Gauck, der bei der DDR-Aufbereitung seinen Landsleuten gerne mal die Leviten gelesen hat.

Sperrgebiet: Bundespräsident Joachim Gauck in der Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft, dem Archiv der DDR-Opposition. Foto: dpa

Es ist rund zwei Jahre her, dass der in Rostock gebürtige Joachim Gauck Bundespräsident wurde. Seit März 2012 heißt es immer mal, um die deutsche Einheit könne es so schlecht ja nicht bestellt sein. Schließlich werde die Bundesrepublik jetzt gleich von zwei Ostdeutschen repräsentiert: von Kanzlerin Angela Merkel – und von Gauck eben. Kritiker wenden dagegen gelegentlich ein, Merkel sei als Ostdeutsche gar nicht mehr erkennbar.

Tatsache ist, dass das Staatsoberhaupt wegen seiner wiederholten Äußerungen über die Notwendigkeit von Militäreinsätzen zuletzt vor allem aus dem Osten attackiert wurde. Das kommt nicht von ungefähr.

Anfang der Woche machten jene ostdeutschen Pfarrer von sich reden, die derzeit Unterschriften gegen Gauck sammeln, weil sie die friedenspolitischen Anliegen der evangelischen Kirche aus DDR-Zeiten diskreditiert sehen. Einer der Unterzeichner ist der ehemalige Leiter des Predigerseminars Wittenberg, Peter Freybe. Der Pensionär stieß sich an Gaucks jüngster Formulierung in einem Interview des Deutschlandfunk, wonach es „manchmal“ erforderlich sei, „auch zu den Waffen zu greifen“. Freybe: „Dieses ,manchmal‘ halte ich für fahrlässig beliebig und unangemessen.“ Übrigens war der Pfarrer ein enger Freund von Horst Kasner, Merkels Vater.

Friedrich Schorlemmer, einst Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, sagte: „Der Bundespräsident sollte sich zu sicherheitspolitischen Fragen dieser Tragweite nicht äußern.“ Und wenn schon, dann wolle er auch „mal eine Äußerung von Herrn Gauck zum Desaster im Irak hören“. Schorlemmer betont allerdings, man könne dem 74-Jährigen nicht den Vorwurf machen, von der protestantischen Friedensethik von vor 1989 abgerückt zu sein, denn: „Er hat schon immer gewusst, dass die Waffen der Freiheit die besseren Waffen sind.“

Die Linke frohlockt

Die Angriffe kommen auch aus der ostdeutsch dominierten Linken. Ihr brandenburgischer Abgeordneter Norbert Müller, der Gauck einen „widerlichen Kriegshetzer“ nannte und damit Empörung auslöste, hat sie nur zugespitzt. Schon auf dem linken Wahlparteitag im Mai war Gauck eine Hauptzielscheibe.

Die Linkspartei tut sich seit jeher schwer mit ihm. Denn einst stand er der Stasi-Unterlagenbehörde vor. Und sein Freiheitsbegriff ist aus ihrer Sicht ein die ökonomischen Ungleichgewichte aussparender und deshalb allzu liberaler. Und jetzt sehen die Linken sich auch noch in ihrem Antimilitarismus bestätigt. Sie können dabei wie die Theologen auf eine weit verbreitete Stimmung bauen. Denn es kommen zwar überproportional viele Soldaten aus dem Osten. Aber das täuscht über die Tatsachen hinweg, dass Militäreinsätze in den neuen Ländern noch unbeliebter sind als in den alten. Umfragen belegen das seit längerem.

Das Verhältnis zwischen Gauck und „seinen“ Ostdeutschen war so gesehen immer kompliziert. Gern hat er ihnen, etwa bei der DDR-Aufarbeitung, auch mal die Leviten gelesen. Nun allerdings ist die Entfremdung mit Händen zu greifen. Sie dürfte recht nachhaltig sein.

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