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Bundespräsident Gauck Der andere Blick auf die Einheit

Was ist typisch deutsch? Bundespräsident Joachim Gauck versucht diese Frage im Dialog mit Jugendlichen und Migranten zu klären.

Kritiker: Joachim Gauck, Bundespräsident. Foto: dpa

Der Bundespräsident war kritisch und beglückt zugleich. Die Debatte über deutsche Geschichte und Identität sei oftmals ein Eliten-Diskurs, monierte Joachim Gauck. Er zeigte sich aber auch erleichtert darüber, dass es da jetzt diese „Dritte Generation Ost“ gebe – eine Verbindung überwiegend junger Ostdeutscher, die sich vor zwei Jahren gegründet hat und nun von sich reden macht. Es tue „unserem Land gut, wenn heute 30-Jährige zwischen Schwerin und Dresden laute Fragen stellen“, befand das Staatsoberhaupt.

Die Veranstaltung im Schloss Bellevue mit dem Titel „Typisch deutsch?“, ausgerichtet von der Bundesstiftung Aufarbeitung und dem Präsidialamt, wurde dann allerdings weniger von jungen Ostdeutschen geprägt als von Menschen, die gelernt haben, distanzierter auf das wiedervereinigte Land zu blicken. Dabei trat durchaus Überraschendes zutage.

Dies betraf zunächst die deutsche Einheit im Ganzen. Die deutsch-vietnamesische Schriftstellerin Pham Thi Hoai verwies auf die Vereinigung von Nord- und Süd-Vietnam. Diese sei von Gewalt begleitet gewesen. Und sie habe Sieger und Besiegte hinterlassen. „Das kann man von Deutschland nicht sagen“, sagte Hoai, die 1977 mit 17 Jahren in die DDR kam. Gemessen an vietnamesischen Verhältnissen sei die deutsche Einheit geradezu ein Traum.

Kiyak: Probleme benennen

Die zweite Überraschung betraf die Bewertung von Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Deutschland. Die Diskutanten ließen keinen Zweifel daran, dass hier nicht zuletzt in den neuen Ländern große Probleme existierten. Pham Thi Hoai erklärte, die DDR-Bürger seien „gegenüber der großen weiten Welt komplexbeladen“ gewesen und hätten sich im Inneren seltsam „gönnerhaft“ gezeigt. Was sie denke, etwa über die Vereinigung, habe niemanden interessiert. Die Autorin Mely Kiyak referierte ihre Erfahrungen aus Leipzig. Dort seien regelmäßig Neonazis in größeren Gruppen durch bestimmte Viertel gezogen; von einem sei sie verprügelt worden.

Kiyak fügte indes hinzu, Rassismus habe es auch im Westen schon immer gegeben. Dies zeigten die Attentate von Mölln und Solingen. „Ich habe etwas dagegen, ein Phänomen immer einer bestimmten Gruppe von Menschen zuzuordnen.“ Damit wollten sich viele Westdeutsche nur entlasten. Der französische Journalist Pascal Thibaut berichtete, dass Rechtsextremismus in ländlichen Regionen Frankreichs häufig verbreiteter sei als in Ostdeutschland.

Das alles diente nicht der Verharmlosung. Kiyak, die in Niedersachsen als Kind kurdischer Eltern geboren wurde, rief vielmehr dazu auf, die Probleme zu benennen. Es nicht zu tun, „ist der Makel“. Die Beobachter mit Migrationshintergrund machten aber zweierlei deutlich. Erstens rückten sie die deutschen Probleme in die richtigen Relationen. Zweitens machten vor allem Hoai und Kiyak deutlich, dass sie eben keineswegs nur Beobachter der Einheit sind, sondern ihr Teil. Das werde zu wenig beachtet.

Gauck stellte schließlich klar, dass das Stochern in der Vergangenheit kein Selbstzweck sei, sondern dazu diene, die Gegenwart freier zu gestalten. Danach lud er die jungen Leute zu gemeinsamen Fotos ein, damit sie sagen könnten: „Omi, ich war beim Bundespräsidenten.“ Der Nachwuchs hat sich nicht lange bitten lassen.

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