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Bundesbank-Vorstand Sarrazin verliert seinen Job

Die letzten Äußerungen von Thilo Sarrazin über Migranten und Juden waren zu viel. Die Deutsche Bundesbank hat beschlossen, sich von ihrem Vorstandsmitglied zu trennen. Kanzlerin Merkel begrüßte die Entscheidung.

02.09.2010 16:42
Thilo Sarrazin bei der Talkshow "Hart aber fair" am 1. September. Foto: rtr

Berlin/Frankfurt. Seine umstrittenen Thesen haben Thilo Sarrazin seinen Job als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank gekostet: Der Bundesbank-Vorstand beschloss am Donnerstag in Frankfurt am Main einstimmig, bei Bundespräsident Christian Wulff Sarrazins Abberufung zu beantragen. Zuvor war der Druck auf die nationale Notenbank massiv gewachsen, sich von Sarrazin zu trennen.

Zugleich entzog der Vorstand Sarrazin seine sämtlichen Geschäftsbereiche, wie die Bundesbank in Frankfurt am Main mitteilte. Bislang war der frühere Berliner Finanzsenator für die Bereiche Revision, Risiko-Controlling und Informationstechnologie zuständig gewesen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm die „unabhängige Entscheidung“ des Bundesbanksvorstands „mit großem Respekt zur Kenntnis“, wie ein Sprecher der Bundesregierung mitteilte.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Entscheidung der Bundesbank zur geplanten Entlassung von Thilo Sarrazin als richtig bezeichnet. Es sei „bedauerlich, dass es so weit kommen musste, aber konsequent“, teilte Wowereit über einen Sprecher mit.

Auch die Grünen bewerteten begrüßten Sarrazin Entlassung. „Sarrazin ist mit seinen hanebüchenen Thesen als Repräsentant der Bundesbank nicht mehr tragbar“, sagte Fraktionschefin Renate Künast.

Sarrazin hatte in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ eine Reihe von umstrittenen Thesen aufgestellt, darunter die einer angeblich mangelnden Integrationsfähigkeit von Migranten. Außerdem sorgte er mit Äußerungen über ein angebliches Juden-Gen, das sich nur bei Juden nachweisen lasse, für Kritik. In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ bedauerte er diese Äußerungen am Mittwochabend.

Nach Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel, der einen Ausschluss Sarrazins aus der SPD erreichen will, hatte sich zuletzt auch Bundespräsident Wulff in die Debatte eingeschaltet und die Bundesbank zum Handeln aufgefordert. „Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet - vor allem auch international“, hatte Wulff gesagt. Weil nur er ein Bundesbankvorstandsmitglied entlassen kann, hatte dies die Spekulationen über Sarrazins bevorstehende Ablösung genährt.

Auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, äußerte sich „entsetzt“ über Sarrazin. Als EZB-Präsident habe er aber „volles Vertrauen“ in die Entscheidungen der Bundesbank, sagte Trichet in Frankfurt.

Ungeachtet der heftigen Debatte und breiten Kritik aus der Politik entwickelt sich Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ immer mehr zu einem Bestseller. Wie ein Sprecher der herausgebenden Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) auf Anfrage sagte, läuft gerade der Druck der sechsten Auflage des Sarrazin-Buchs. Die Gesamtauflage erhöhe sich damit auf 250.000.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verwahrte sich im ARD-„Morgenmagazin“ gegen Ratschläge Sarrazins in der Integrationspolitik. Die Fragen, die er stelle, stelle sich die Politik „längst“. Die Migrationsprobleme seien bekannt, auch eine höhere Gewaltneigung bestimmter Ausländer, außerdem sei der ungesteuerte Zuzug längst abgeschafft. „Da brauchen wir keine Belehrung von Sarrazin“, sagte de Maizière. Sarrazin habe mit seinen Aussagen eine Grenze überschritten. „Als Bundesbankvorstand ist im Gehalt einbegriffen eine bestimmte öffentliche Zurückhaltung. Das, was er gemacht hat, verstößt mindestens gegen den Grundsatz 'Das tut man nicht'.“

Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, warf Sarrazin im „Hamburger Abendblatt“ Islamfeindlichkeit und Rassismus vor. „Ich finde es sehr bedauerlich und fast schon beängstigend, dass die Islamophobie in Gestalt von Herrn Sarrazin langsam in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint“, sagte Kizilkaya. (afp)

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