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Bürgermeisterwahl Das New York der anderen

Trotz manch eines Erfolgs hat es Bürgermeister Bill de Blasio nicht geschafft, seiner linksliberalen Wählerschaft ihre Stadt zurückzugeben.

Obdachloser im Madison Square Park
Die soziale Kluft ist fast überall sichtbar: Obdachloser im New Yorker Madison Square Park. Foto: rtr

Das Terminal 5 ist gerade einmal anderthalb Kilometer von Donald Trumps goldenem Turm an der Fifth Avenue entfernt, doch an diesem Abend könnte die Konzerthalle in einem alten Hafenkontor am Hudson genauso gut auf einem anderen Planeten liegen. Der Saal ist bis in die letzte Ecke vollgestopft mit Menschen, die Trump zutiefst verachten. Sie haben sich heute hier versammelt, um sich gegenseitig ihrer Standhaftigkeit zu versichern.

Auf dem Programm steht eine Wahlkampfveranstaltung für New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, der am Dienstag als Linksaußen der US-Politiklandschaft wiedergewählt werden möchte. Der große Star des Abends ist jedoch Bernie Sanders, auch nach seiner Niederlage gegen Hillary Clinton bei den Präsidentschaftsvorwahlen im vergangenen Jahr noch immer die große Hoffnung der amerikanischen Linken.

Bill De Blasio, das kleinere Übel

Es dauert fast fünf Minuten, nachdem Sanders die Bühne betreten hat, bis die „Bernie“-Rufe verebben. Während der Viertelstunde, die Sanders vor den jungen New Yorkern spricht, steigert sich die Euphorie zur Extase. Ob es gegen die Steuerpläne Trumps, gegen die drohende Oligarchie der Milliardäre, gegen die Verknappung von Gesundheitsfürsorge und Bildung geht – die Jubelrufe werden lauter. Allein bei der zentralen Botschaft bleibt die Reaktion verhalten. „Bill De Blasio ist der Anti-Trump“, ruft Sanders am Ende seiner Rede der Menge zu. „Zeigt der Nation, dass ihr gegen Trump aufsteht, in dem ihr Bill wiederwählt.“

De Blasio, der in einem dunkelblauen Designeranzug artig grinsend neben Sanders steht, vermag bei den New Yorkern keine rechte Begeisterung hervorrufen. Da nützt auch die Schützenhilfe von Sanders nicht viel. „Wenn Sanders heute nicht gekommen wäre, wäre ich nicht hier“, sagt Brendan Moore, ein Student aus Brooklyn.

Gerade einmal 50 Prozent der New Yorker glauben, dass Bill de Blasio in den ersten vier Jahren seiner Regierung einen guten Job gemacht hat. Noch weniger, 46 Prozent, finden, er verdiene eine zweite Amtszeit. Dennoch werden voraussichtlich 60 Prozent für ihn stimmen. Allerdings nur, weil sie seine konservative Herausforderin Nicole Malliotakis für das größere Übel halten.

Erste Amtsperiode ein politischer Erfolg

Die Zuneigung der New Yorker zu de Blasio, die ihn vor vier Jahren auf einer Begeisterungswelle in das Rathaus an der Brooklyn Bridge gespült hat, ist deutlich abgekühlt. De Blasio ist schon lange nicht mehr der Held des linksliberalen New York, das ihn 2013 feurig als seine große Hoffnung gefeiert hat.

De Blasio war ein Kandidat ganz nach ihrem Herzen. Nachdem zwölf Jahre lang der technokratische Multimilliardär Michael Bloomberg die Stadt schamlos in ein Luxusprodukt für seinesgleichen verwandelt hatte, war hier endlich ein Mann, der über soziale Ungerechtigkeit und Rassendiskriminierung sprach, über Polizeigewalt, Gentrifizierung und Wohnraumkrise.

Auch als Person schloss das linksliberale New York de Blasio ins Herz. Die Bilder von ihm als wuscheligem Studenten mit Che Guevara-T-Shirt in den 70er Jahren erinnerten viele an ihre eigene radikalere Jugend. Die Ehe mit der schwarzen Journalistin Chirlene McCray passten zum Selbstbild des offenen, progressiven New York. Wann genau diese Liebesaffäre New Yorks mit ihrem linken Bürgermeister verglüht ist, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Zumal nach den Maßstäben messbaren politischen Fortschritts seine erste Amtsperiode ein durchschlagender Erfolg war.

Eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen setzte de Blasio innerhalb weniger Wochen um. Heute hat jede New Yorker Familie Zugang zu kostenlosen Kindertagesstätten. Gleichzeitig hat er ein Gesetz erlassen, dass einer viertel Million New Yorkern mehr als bislang Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall ermöglicht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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