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Bürgermeister von Rom An der Spitze der unregierbaren Stadt

Virginia Raggi hat großen Mut. Sie hat gute Aussichten, erste weibliche Bürgermeisterin von Rom zu werden. Dabei halten die meisten Römer ihre Stadt für unregierbar. Dennoch strebt die Juristin das Amt im Rathaus an.

Virginia Raggi, the anti-establishment 5-Star Movement's candidate for Rome mayor, is welcomed as she arrives to a pizzeria during a fund-raising event in Rome
Virginia Raggi, the anti-establishment 5-Star Movement's candidate for Rome mayor, is welcomed as she arrives to a pizzeria during a fund-raising event in Rome, Italy May 19, 2016. Picture Taken May 19, 2016. REUTERS/Tony Gentile TPX IMAGES OF THE DAY - RTSFOCY n Foto: © Tony Gentile / Reuters (X90029)

Virginia Raggi hat Mut, großen Mut sogar. Auch wenn die 37 Jahre alte Rechtsanwältin aus Rom, die der Protestbewegung Fünf Sterne angehört, auf den ersten Blick zart und zerbrechlich wirkt. Doch wer wie sie Bürgermeister der „Ewigen Stadt“ werden will, muss geradezu tollkühn sein. Rom hat 14 Milliarden Euro Schulden, bröckelnde Altertümer, chronisch verstopfte und löchrige Straßen, zu viel Müll, marode, übervolle Busse und U-Bahnen und eine Verwaltung, die einem undurchdringlichen Dschungel gleicht, in dem Unfähigkeit, Vetternwirtschaft, Selbstbereicherung, Korruption und Mafia gedeihen. Die meisten Römer halten ihre Stadt für unregierbar. Das Vertrauen in die Politiker haben sie längst verloren.

Nun sollen sie am Sonntag ein neues Stadtoberhaupt samt Kommunalparlament wählen, so wie die Bürger in mehr als 1000 weiteren Gemeinden. 15 Kandidaten treten in Rom an und Virginia Raggi hat allen Umfragen zufolge die größten Chancen, ins Rathaus auf dem Kapitolshügel einzuziehen. Es wäre eine Doppel-Premiere: Rom würde erstmals in seiner jahrtausendealten Geschichte von einer Frau regiert. Und die Fünf Sterne übernähmen erstmals Verantwortung für eine Großstadt.

Die vom Ex-Kabarettisten Beppe Grillo gegründete Bewegung stellt sich als Alternative zur „schmutzigen“ herkömmlichen Politik dar, als Garant für Ehrlichkeit und Transparenz. Virginia Raggi nehmen viele Wähler das ab. Die Römerin ist der Typ „junge Frau von nebenan“ und weit entfernt vom rechten wie vom linken Hauptstadt-Polit-Klüngel. Telegen und eloquent rechnet sie in Interviews nüchtern und freundlich lächelnd Zahlen zum katastrophalen Haushalt und zur Verschwendung in den Ämtern und städtischen Unternehmen mit ihren insgesamt 57 000 Angestellten vor.

Auf ihrer Internet-Seite schreibt Raggi, sie habe erst begonnen, sich fürs Gemeinwohl zu interessieren, als sie nach der Geburt ihres Sohnes den Kinderwagen auf nicht vorhandenen Bürgersteigen, im Slalom zwischen in zweiter Reihe parkenden Autos und durch verwahrloste Parks schob. Das war vor sechs Jahren. Wut habe sie damals gepackt, darüber, dass ihre glanzvolle Stadt so heruntergewirtschaftet sei. Fortan engagierte sie sich im Nachbarschaftskomitee und in einem Kollektiv zum solidarischen Einkauf von Bioprodukten. Ihr Ehemann, selbst Fünf-Sterne-Aktivist, brachte die auf Urheberrecht spezialisierte Anwältin 2011 zu Grillos Bewegung.

In den Tagen vor der Wahl ist Rom noch dreckiger als sonst, Müllsäcke liegen auf den Straßen, Container quellen über, weil die Müllabfuhr streikt. Dabei leidet die Stadt unter einer Ratten-Plage. Auch Bus- und Metrofahrer sind wie fast jeden Monat einen Tag im Ausstand. Raggi hat angekündigt, sie werde Verwaltung und Kommunalbetriebe umorganisieren und endlich fähige Leute einsetzen. Auch die Finanzen will sie sanieren. Aber das versprechen alle, ohne dass wer überzeugende Konzepte präsentiert.

Raggi profitiert davon, dass die beiden großen Lager gespalten sind. Die Linke hat zwei Kandidaten aufgestellt. Raggis größter Konkurrent ist der Regierungsfavorit Roberto Giachetti. Die Rechten schicken gleich vier Bewerber ins Rennen, die größten Chancen haben der Berlusconi-Freund und Bauunternehmer Alfio Marchini und die Post-Faschistin Giorgia Meloni. Auch wenn sich der Trend zu Gunsten der Fünf-Sterne-Frau am Sonntag verfestigen sollte, könnte das Wahlergebnis knapp werden. Dann kommt es zur Stichwahl.

„Mein Traum ist es, Rom zu verändern“, sagt Virginia Raggi. Dass sie die Herkules-Aufgabe wirklich stemmen könnte, daran glaubt in der resignierten Stadt allerdings kaum wer, nicht mal ihre Anhänger. Zuletzt war daran der Sozialdemokrat Ignazio Marino gescheitert. Er musste im Herbst zurücktreten, weil er einige private Essen mit der dienstlichen Kreditkarte gezahlt haben soll. Raggi sagt, sie würde gleich als allererste Amtshandlung diese Kreditkarte abschaffen.

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