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Brexit Europas Angst vor dem Chaos

Hochspannung in Brüssel und London: Kann der EU-Gipfel ein Scheitern der Brexit-Gespräche noch abwenden?

Brexit-Gegner in London
Sie freuen sich noch: Brexit-Befürworter demonstrieren in diesen Tagen in London. Foto: afp

Manchmal braucht es etwas Sichtbares, damit Dinge ins Bewusstsein dringen. Die Bauarbeiter an der Autobahn M26, die vom Londoner Ring bis nach Dover führt, sind so ein sichtbares Zeichen für viele Briten, für die der Brexit, der Austritt aus dem europäischen Staaten-Bündnis doch lange eher eine abstrakte Vision war. Seit dem vergangenen Wochenende haben dort die Vermessungsarbeiten begonnen, um aus der wichtigen Verkehrsroute für Waren aus Europa in die britische Hauptstadt im Notfall einen gigantischen Lastwagen-Parkplatz zu machen. Der Notfall, das wäre in diesem Fall ein Brexit ohne vorherigen Deal zwischen Brüssel und London. Es ist ein Notfall, der zunehmend wahrscheinlicher wird.

Vier Millionen Lastwagen setzen Jahr für Jahr von Dover nach Calais über den Ärmelkanal hinüber. Wird der Brexit wie geplant am 29. März 2019 Realität, überqueren etliche Tonnen Waren dort bald eine EU-Außengrenze. Ohne Zollvereinbarung wird es Zollkontrollen geben müssen. Allein eine zweiminütige Verzögerung der Zoll-Abfertigung pro Lastwagen würde im Kalkül der Planer zu einer 25 Kilometer langen Rückstau führen. Und das ist nach Ansicht der Wirtschaftsverbände eine arg optimistische Rechnung. Sie warnen vor 50 Kilometer langen Dauerstaus. Ganz abgesehen von zusätzlicher Umweltverschmutzung, enormen Staus und verstopften Landstraßen drohe im Hafen Dover „totales Chaos“, stöhnt der Verband der Fuhrunternehmer.

Es kursieren viele dieser Horroszenarien in diesen Tagen. Der Nationale Gesundheitsdienst befürchtet, dass er im Falle eines harten Brexit bald keine Ärzte aus Europa mehr rekrutieren kann, weil deren Qualifikationen keine Gültigkeit mehr hätten. Der gerade mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnete Wissenschaftler Sir Gregory Winter warnt, ein „No-Deal“-Brexit würde „die Forschung in Großbritannien abmurksen“. Prominente Musiker befürchten, dass „die mächtige Stimme“ der britischen Musikindustrie „verstummt“.

Die britische Handelskammer befürchtet ein Wirtschaftswachstum im „Schneckentempo“. Und beim Internationalen Währungsfonds ist die Befürchtung laut geworden, „ein chaotischer Brexit“ könne Auslöser für eine neue globale Finanzkrise sein. Am Sonnabend ist in London eine große Demonstration gegen die Brexit-Pläne geplant. Die bange Forderung: Es soll eine zweite Volksabstimmung geben, wenn klar ist, wie der Brexit genau aussehen soll. Dies ist allerdings zur Zeit ungewisser denn je. Zwar wollten EU-Chefunterhändler Michel Barnier und der britische Brexit-Minister Dominic Raab eigentlich bereits am Montag einen Vorschlag vorlegen, wie ein Austrittsvertrag aussehen soll, der alle künftigen Beziehungen zwischen dem Königreich und der EU regelt. Doch die Einigung ist geplatzt.

Nun wird Premierministerin Theresa May am heutigen Mittwoch ohne eine vorbereitete Einigung zum EU-Gipfel nach Brüssel reisen. Dass dieses schicksalhafte Treffen tatsächlich mit einer Einigung endet, kann sich bisher kaum jemand vorstellen. May will auf Einladung von EU-Ratspräsident Donald Tusk noch einmal vor den 27 übrigen Stats- und Regierungschefs ihre Vorschläge für den Austrittsvertrag und die künftigen Beziehungen erläutern. Man isst zu Abend und May fährt wieder ab. Beratungen oder gar Verhandlungen soll es offenbar nicht geben – auch weil Mays Koalition in London alle bisherigen Kompromissvorschläge ablehnt.

Und so wird das wahrscheinlicher, wovor Kritiker bereits seit Monaten warnen. Weil sich London nicht einig ist, schlittert London in das gefürchtete No-Deal-Szenario.

Liam Fox, Theresa Mays Außenhandels-Minister, hat schon vor einiger Zeit prophezeit, dass am Ende ein Austritt ganz ohne Vereinbarung „am wahrscheinlichsten“ sei. Zu Beginn dieser Woche, nach dem vorläufigen Scheitern der Verhandlungen, erklärte Arlene Foster, die Vorsitzende der nordirischen Unionisten, einen „No-Deal“-Ausgang des Brexit-Dramas sogar für „fast unvermeidlich“. Selbst EU-Ratspräsident Tusk warnte jetzt, ein Brexit ohne Abkommen sei „wahrscheinlicher denn je“.

Die Zeit drängt. Ein Ausstiegsvertrag muss noch vom EU-Parlament und den Volksvertretungen der Mitgliedstaaten ratifiziert werden. Dafür sind einige Monate Vorlauf nötig, um den Termin am 29. März 2019 zu erreichen. Dann tritt das Königreich automatisch aus – mit oder ohne Deal. So legt es das Austrittsverfahren nach Artikel 50 der EU-Verträge fest. Eine Verlängerung der Verhandlungen wäre nicht einfach möglich.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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