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Brexit Die sichere Karte

Der als Gesundheitsminister merkwürdig langlebige Jeremy Hunt führt nun das von Boris Johnson wenig geschätzte britische Außenministerium. Ein Porträt.

Jeremy Hunt
Jeremy Hunt vor seinem neuen Arbeitsplatz. Foto: rtr

Als Boris Johnson das Foreign and Commonwealth Office an Londons King Charles Street am Montagnachmittag zum letzten Mal verlassen hatte, öffneten sich die Flutschleusen der professionellen Indiskretionen: nur gut, dass er endlich fort sei. Wenn man ihn brauchte, sei er nie da gewesen. Er hätte nie genug Interesse für die drängenden Probleme aufbringen können. Seine schnoddrigen oder unflätigen Bemerkungen hätten dem Amt geschadet … Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Jeremy Hunt, Johnsons Nachfolger als britischer Außenminister.

Aber praktisch alles an der Biografie ihres neuen Chefs kann den Bediensteten des Außenministeriums erst mal nur gefallen: Hunt kommt aus wohlhabendem Hause, besuchte eine angesehene Schule und studierte in Oxford – eine britische Politiker-Karriere nach den besten konservativen Klischees. Der verheiratete Vater eines Sohnes und zweier Töchter sitzt seit 2005 für die Torys im Unterhaus, der 51-Jährige vertritt dort den südenglischen Wahlkreis South West Surrey.

Was Jeremy Hunt aber weit über den Durchschnitt seiner Kolleginnen und Kollegen erhebt, ist sein bisheriger Job: Gesundheitsminister. Keiner – seit 1945 – hat das Amt so lange bekleidet, wie Hunt, fast sechs Jahre lang. Der Schleudersitzcharakter des Amtes liegt vor allem am Nationalen Gesundheitssystem NHS, zu Hause oft verschrien, weltweit in aller Regel bewundert und beneidet.

Hunt tat wie viele andere Torys vor ihm das Seine dazu, den einst vom ersten Labour-Kabinett 1945 bis 1951 als Säule des Wohlfahrtsstaates installierten NHS maroder und ineffektiver zu machen. Und auch sonst hat Hunt manches auf dem Kerbholz – wie andere Abgeordnete: zweifelhaftes Finanzgebaren, dumme bis absolut skandalöse Kommentare zu sensiblen Themen.

Gleichwohl gilt Hunt als die bessere Wahl für May als Johnson. Während des 2016er Referendums trat er wie sie für den Verbleib in der EU ein, während der schillernde Johnson mal für, mal gegen den Brexit zu sein schien, bis er alle seine Karten auf den Austritt setzte. Hunt gibt sich stets loyal, manche würden sagen: übermäßig angepasst. Bei Johnson war nur Verlass darauf, dass er mit irgendeinem peinlichen Bonmot zur Unzeit querschießen würde. Hunt macht den Eindruck, als hätte May mit ihm jemanden, der erst mal Ruhe ins Regierungs-Business bringt – eine fast schon viktorianische Atmosphäre im Foreign Office.

Zur Stunde glaubt in London niemand ernsthaft, Hunt wäre zu so dramatischen Überhöhungen in der Lage wie Johnson in seinem Demissionsschreiben vom Montag: „Der Brexit-Traum stirbt.“ (mit dpa)

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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