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Brandbrief an den Papst Ein Putsch der katholischen Rechten?

Ein Brandbrief gegen den Papst macht eine ominöse „Schwulen-Lobby“ für den Missbrauch verantwortlich.

Vatikan
Inzwischen tobt ein „Bürgerkrieg“ zwischen erzkonservativen Papstgegnern und liberalen Franziskus-Anhängern. Foto: imago

Die katholische Welt ist in Aufruhr. Ein hochrangiger Kirchenmann hat den Papst in Zusammenhang mit einem Missbrauchsskandal schwer beschuldigt und zum Rücktritt aufgefordert – ein unerhörter Vorgang. Manche sprechen von einer Verschwörung oder gar einem Putschversuch der konservativen Kräfte in der Kirche, andere davon, dass inzwischen ein „Bürgerkrieg“, zwischen erzkonservativen Papstgegnern und liberalen Franziskus-Anhängern tobe. Wieder einmal geht es dabei auch um eine schon häufiger ins Spiel gebrachte ominöse „Schwulen-Lobby“ im Vatikan.

Auslöser des jüngsten Eklats ist ein elfseitiger Brandbrief, den der italienische Erzbischof Carlo Maria Viganò, 77 Jahre alter Ex-Vatikan-Botschafter in Washington, vergangenes Wochenende veröffentlichte. Er klagt Franziskus an, den inzwischen 88 Jahre alten US-Kardinal Theodore McCarrick gedeckt zu haben, der jahrzehntelang homosexuelle Beziehungen zu Seminaristen und Priestern hatte und Minderjährige missbraucht haben soll. Zwar entzog Franziskus Ende Juli McCarrick die Kardinalswürde. Viganò behauptet jedoch, der argentinische Papst habe seit Jahren von den Vorwürfen gewusst und nichts unternommen. Er persönlich habe Franziskus schon im Sommer 2013 informiert, dass McCarrick „Generationen von Seminaristen und Priestern verdorben“ habe und von Papst Benedikt XVI. zu einem zurückgezogenen Leben in Buße verurteilt worden sei.

Viganò klagt in seinem Brief, die Kirche sei in einen „stinkenden Sumpf“ gestürzt. Bischöfe und Priester hätten schreckliche Verbrechen begangen oder sie durch ihr Schweigen nicht verhindert. Er habe immer geglaubt, dass ihre Hierarchie es schaffe, die Wahrheit sichtbar zu machen. „Aber die Verdorbenheit hat die Spitzen der Kirche erreicht.“

Papst Franziskus wollte sich zu dem Brief nicht äußern. „Ich sage dazu kein Wort“, beschied er bei der Pressekonferenz im Flugzeug auf dem Rückweg von seiner Irlandreise. Den Journalisten riet er, das Schreiben aufmerksam zu lesen und dann selbst zu urteilen. „Ich denke, die Mitteilung spricht für sich selbst.“

Viganò, von 2011 bis 2016 Apostolischer Nuntius in den USA, werden persönliche Rachemotive nachgesagt, weil er eigentlich eine Karriere im Vatikan angestrebt habe. Er selbst bestritt am Donnerstag in einem Interview solche Motive.

Franziskus-Anhänger wie der italienische Vatikanexperte Andrea Tornielli sehen hinter dem Brief ein organisiertes Vorgehen, eine Intrige. Dafür spreche, dass er just während Irlandreise des Papstes publik gemacht wurde, die ganz im Schatten der kirchlichen Missbrauchsskandale stand und auf der sich Franziskus für die Verbrechen von Geistlichen entschuldigte. Viele Missbrauchsopfer werfen ihm allerdings vor, dass er zwar „Null Toleranz“ gegen pädophile Geistliche fordere, aber kaum konkrete Schritte unternehme.

Erzkonservative Kreise

Auch dass das Schreiben zeitgleich von mehreren rechtskonservativen Zeitungen und Internetportalen veröffentlicht wurde, die für ihre papstfeindliche Ausrichtung bekannt sind, deute auf eine konzertierte Aktion hin, glauben viele. Tonninelli schrieb auf der Internetseite „Vatican Insider“, Viganò habe gute Verbindungen zu erzkonservativen Kreisen in den USA und Italien. Diese werfen Franziskus vor, Homosexualität und Scheidung zu relativieren und sehen sich als Verteidiger der traditionellen Familie. Auch seine migrationsfreundlichen und kapitalismuskritischen Positionen sind ihnen ein Dorn im Auge. Manche Kommentatoren sehen deshalb hinter dem Brandbrief einen Putsch der katholischen Rechten gegen den Papst.

Viganò bekam unter anderem Unterstützung von Kardinal Raymond Burke, Frontmann der Konservativen in der Kurie und Franziskus-Gegner. Burke pflegt gute Kontakte zu rechtsnationalen Politikern, darunter der frühere Trump-Berater Steve Bannon und der Chef der italienischen Lega, Matteo Salvini. Die Rücktrittsforderung gegen den Papst sei legitim, sagte Burke „La Repubblica“. Er könne allerdings nicht sagen, ob Franziskus Fehler begangen habe.

Die Papstgegner stellen Homosexualität als das grundlegende Übel und als eigentliche Ursache von Pädophilie und sexuellen Missbrauch durch Geistliche dar. Viganò verweist darauf, dass 81 Prozent der Missbrauchsopfer männlich seien. Das Problem lasse sich nur lösen, wenn man die „homosexuellen Netzwerke“ in der Kirche ausmerze, die sich in Diözesen, Seminaren und Orden ausgebreitet hätten. Die Schuld gibt Viganò einer schwulenfreundlichen Strömung im Vatikan, die für den Umsturz der katholischen Lehre sei.

Doch Franziskus setzt sich zwar gegen eine Diskriminierung von Homosexuellen ein. An der grundsätzlich ablehnenden Linie der katholischen Kirche gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe hat er aber keinen Deut geändert.

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