Lade Inhalte...

Boston-Opfer Martin Richard Toter Junge wird zum Symbol der Trauer

Der Bombenterror von Boston hat eine Familie ganz besonders tragisch getroffen: Der achtjährige Martin ist tot, die Schwester hat ein Bein verloren, die Mutter ist schwer verletzt. Das Bild des Jungen verbreitet sich inzwischen wie ein Lauffeuer.

17.04.2013 13:37
Verlor beim Anschlag in Boston sein Leben: Martin Richard. Foto: REUTERS

Die Magnolien in den sonnenbeschienenen Vorgärten blühen rosa, die Forsythiensträucher gelb und laut singen die Vögel. Es könnten die fröhlichen ersten Frühlingstage im wohlhabenden Bostoner Vorort Dorchester sein - wenn nicht ein im Wind flatterndes neongelbes Band das Bild stören würde. „Boston Police Line Do Not Cross“, steht in großen schwarzen Buchstaben darauf. Die Polizei hat die Gegend um ein mehrstöckiges dunkelblaues Haus mit weißen Fensterrahmen auf der Carruth Street weiträumig abgesperrt, Einsatzwagen stehen an den Zufahrten, Journalisten mit Fernsehkameras drängen sich davor.

In dem dunkelblauen Haus lebt die wohl am schlimmsten von den Bombenanschlägen auf den Bostoner Marathon betroffene Familie: Der achtjährige Martin ist tot, seiner Schwester musste ein Bein amputiert werden und auch die Mutter liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Sie alle wollten den Marathon an der Ziellinie verfolgen - doch dann explodierten die Bomben.

Botschaft auf Facebook

„Wir kämpfen mit unserer Trauer“, ließ Familienvater Bill Richard am Dienstag in einer Mitteilung per E-Mail verbreiten. Dazu ein Foto seines Sohnes Martin, dem jüngsten der mindestens drei Toten der Anschläge: Ein kleiner Junge mit großen braunen Augen, im Trikot des örtlichen Eishockey-Vereins Boston Bruins, der mit seinen kindlich hervorstehenden Schneidezähnen grinsend unter einer Kappe hervorschaut.

Ein anderes Bild von Martin wurde inzwischen zum Symbol der Trauer: Auf ihm hält der Junge ein selbstgebasteltes blaues Poster hoch mit den Worten „No more hurting people. Peace“. Martin wünschte sich Frieden und dass keine Menschen mehr verletzt würden. Lucia Brawley, eine Freundin von Martins Grundschullehrerin, veröffentlichte das Bild auf ihrer Facebook-Seite. Brawley sagte dem US-Fernsehsender CNN, ihre Freundin Rachel Moo habe den Jungen voriges Jahr in der zweiten Klasse unterrichtet. Moo habe ihr erlaubt, das Bild in dem Sozialen Netzwerk zu teilen. „Der einzig konstruktive Weg, mit dieser Tragödie umzugehen, war, dieses Bild zu teilen“, sagte Brawley dem Sender, „weil Martins Worte auf diesem Bild eine deutlichere Sprache sprechen als alles, was ich sagen kann.“ Das Foto stamme von einem Friedensmarsch, den die Schule im Mai 2012 veranstaltet habe. Hunderttausende Nutzer sahen das Bild auf Facebook und reichten es an ihre eigenen Freunde weiter.

Sportbegeistert und immer gut gelaunt - genau so war er, sagen Andres und Alejandro Caldron. Gemeinsam mit ihrem Vater Jose sind die beiden neun Jahre alten eineiigen Zwillinge in die Carruth Street gekommen, um einen Fußball vor das dunkelblaue Haus zu legen. „Damit haben wir immer zusammen gespielt“, sagt Andres. Die braunhaarigen Zwillinge gehen in die vierte Klasse der Schule des Vororts, in der Martin die dritte Klasse besuchte, und waren gut mit ihm befreundet. „Nach der Schule haben wir Fußball gespielt. Und in der Schule haben wir uns immer in der Mittagspause gesehen. Dann hat Martin Witze gemacht und alle zum Lachen gebracht. Er war so lieb - wenn es heiß war und er ein Eis hatte, hat er es immer mit uns geteilt.“

Einen Straßenblock hinter den Dreien gehen währenddessen fast minütlich Menschen zur Eingangstür des gepflegten dunkelblauen Hauses und legen Blumen, Spielzeuge und Zettel nieder. Die Familie Richard sei in der Gegend sehr beliebt, erzählt eine Frau mit Hund, die ihren Namen nicht nennen will. „Die Kinder sind sehr lieb. Ich erinnere mich, dass Martin immer meinen Husky streicheln wollte.“ Nach den Anschlägen trafen sich Freunde und Bekannte der Familie am Montagabend Medienberichten zufolge spontan beim Vorort-Italiener „Tavolo“, um gemeinsam zu trauern.

"Leben muss weitergehen"

Nicht weit davon entfernt hat die Gemeinde an einer Kreuzung die Zeiger einer Straßenuhr angehalten und einen schwarzen Trauerflor darum gehängt. Die Uhr zeigt nun ständig zehn vor drei Uhr an, den Zeitpunkt, als die Bomben explodierten. Hunderte Menschen versammelten sich am Dienstagabend (Ortszeit) in einem Park des Viertels, um mit Kerzen und Gesängen dem toten kleinen Jungen zu gedenken. Ursprünglich war die Veranstaltung vor der St. Ann-Kirche geplant gewesen, wo Martin Medienberichten zufolge zur Kommunion gegangen sein soll, aber dort reichte der Platz nicht aus. Ob die Kirche auch selbst etwas organisieren werde, sei noch unklar, sagt der Pfarrer der Gemeinde, der sich nicht weiter äußern will.

Martin habe in jeder Situation einen Witz reißen können, erinnert sich sein Freund Alejandro. „Einmal hat er sein Butterbrot fallen lassen und mit dem Fuß wieder aufgefangen. Dann hatte es ganz viele schwarze Flecken. Wir haben mit ihm gewettet, dass er es nicht mehr isst - aber er hat es doch gegessen, und wir haben alle gelacht.“ Nun müssten sie aber wirklich los, mischt sich sein Vater Jose ein. „Zum Fußballtraining. Das Leben muss weitergehen.“ (dpa)

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum