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Bombenanschlag Wehrhahn-Prozess endet mit Freispruch

Das Düsseldorfer Gericht spricht Ralf S. frei. Der Bombenanschlag in Düsseldorf bleibt unaufgeklärt. Es gibt nur Indizien, keine Beweise.

Wehrhahn-Prozess
Rosen erinnern am S-Bahnhof Wehrhahn an den Anschlag. Foto: dpa

Noch kurz vor der Urteilsverkündung im Prozess um den Bombenanschlag vom Düsseldorfer Bahnhof Wehrhahn im Juli 2000 hatte einer der Nebenkläger die Richter gewarnt: Die Kammer sei im Begriff, „den schwersten Justizfehler in der Geschichte Düsseldorfs zu begehen“, sagte der Anwalt. Er ahnte wohl schon, dass er mit seiner Forderung nach einer hohen Haftstrafe für den Angeklagten Ralf S. beim Gericht nicht durchdringen würde. Er sollte recht behalten: Am Dienstag sprach das Landgericht S. nach sechs Monaten Verhandlungsdauer frei. Die Beweislage reiche für eine Verurteilung nicht aus, begründeten die Richter ihr Urteil.

Der Zentralrat der Juden äußerte sich bestürzt über den Ausgang des Prozesses. Er verlangte, nun müsse umso intensiver ermittelt werden, um den Täter zu überführen. Einige Opfer des Attentats waren Juden.

Der Freispruch ist keine Überraschung. In dem seit Ende Januar laufenden Prozess verwickelten sich mehrere Zeugen, die noch im Ermittlungsverfahren den Angeklagten schwer belastet hatten, in Widersprüche, oder sie relativierten frühere Aussagen. Es gibt zudem kein Geständnis, keinen klaren Beweis, keine DNA oder Fingerabdrücke von S. am Tatort, niemanden, der den Angeklagten beim Zünden der Bombe beobachtet hat.

Auch die vermeintlichen Selbstbezichtigungen von Ralf S. in abgehörten Telefongesprächen oder gegenüber Dritten schienen der 1. Großen Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts nicht so überzeugend, dass sie ohne Zweifel eine Schuld des Angeklagten feststellen konnte.

Vielleicht ist der Rechtsextremist Ralf S. ja tatsächlich nur der „Dampfplauderer und Dummschwätzer“, als den ihn sein Verteidiger im Prozess bezeichnet hatte. Im Zweifel musste das Gericht daher für den Angeklagten entscheiden. Die Staatsanwaltschaft, die dem heute 52-Jährigen zwölffachen Mordversuch aus rassistischen Motiven vorgeworfen und eine lebenslange Haftstrafe gefordert hatte, wird jedoch möglicherweise eine Revision des Urteils beantragen.

Am 27. Juli 2000, kurz nach 15 Uhr, war am Düsseldorfer Bahnhof Wehrhahn eine Bombe explodiert. Der Sprengsatz lag in einer Plastiktüte, die am Geländer einer Fußgängerbrücke hing. Durch die Detonation wurden zehn Menschen verletzt, eine Schwangere verlor ihr ungeborenes Kind.

Die Opfer waren aus Russland stammende Schüler einer nahe gelegenen Sprachschule, sechs von ihnen waren als jüdische Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Das Attentat entsetzte die Öffentlichkeit. Bundeskanzler Gerhard Schröder rief kurz danach den „Aufstand der Anständigen“ gegen rechte Gewalt aus.

Unmittelbar nach der Tat wurde der als Rechtsextremist bekannte Waffennarr Ralf S. festgenommen; mangels Beweisen ließ ihn die Polizei aber wieder laufen. Nachdem die – wie im Fall der vom NSU begangenen Ceska-Morde schlampig geführten – Ermittlungen der Polizei jahrelang nicht vorankamen, sorgte S. ungewollt selbst dafür, dass ihn die Staatsanwaltschaft Düsseldorf doch noch anklagte. Als er 2014 in der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel saß, weil er eine Geldstrafe nicht gezahlt hatte, soll sich S. vor einem Mithäftling mit der Tat gebrüstet haben.

„Ich habe die Kanaken weggesprengt“, soll er dem Mann gesagt haben. Und er soll davon gesprochen haben, dass es sich bei dem Sprengsatz um eine Rohrbombe mit Fernzünder gehandelt hatte – das aber habe man laut Polizei erst viele Jahre nach dem Attentat technisch verifizieren können.

Diesem Zeugen aber glaubte die Kammer nicht, auch nicht der Ex-Freundin des Angeklagten, der erst zum Prozess wieder eingefallen sein will, dass sie die Bombe in der Küche des Angeklagten gesehen habe. Eine weitere Zeugin, der gegenüber S. einen Anschlag auf Ausländer angekündigt haben soll, überzeugte das Gericht ebenso wenig. Und auch ein vierter Zeuge, der sich erst vor wenigen Wochen gemeldet hatte, erschien den Richtern nicht glaubwürdig.

Der Mann, ein wegen einer schweren Gewalttat einsitzender Mithäftling, will ebenfalls ein Tatbekenntnis von S. gehört haben. Der Angeklagte habe ihm erzählt, dass er den Anschlag so geplant hatte, dass die Bombenopfer „alle draufgehen sollen“. Ralf S. sei ihm durch „irrationalen Hass auf Juden“ aufgefallen, erzählte der Zeuge. Doch das Gericht misstraute der nicht widerspruchsfreien Aussage des Belastungszeugen, der eine Drogenkarriere hinter sich hat und an Depressionen leidet.

Ralf S. ist ein ehemaliger Bundeswehrsoldat. Im Jahr 2000 hatte er in der Nähe des Anschlagsorts einen Militaria-Laden betrieben. Aktivisten der lokalen Neonazi-Szene gingen dort ein und aus. Außerdem bot S. Wachschutzdienste an, für die er örtliche Neonazis anheuerte. In seinem Viertel war er als „Sheriff von Flingern“ berüchtigt, weil er nachts mit seinem Hund und im Kampfanzug durch den Stadtteil patrouillierte. Auch sein Hass auf Ausländer war allgemein bekannt.

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