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BND-Untersuchung „BND hat aus Krisen gelernt“

Eine Historikerkommission präsentiert erste Forschungsergebnisse über den BND. Dafür hatten die Historiker umfangreiche Akteneinsicht.

Klaus-Dietmar Henke ist der Kopf der Historikergruppe. Foto: dpa

Klaus-Dieter Fritsche, im Kanzleramt für die Nachrichtendienste zuständiger Staatssekretär, zeigte sich zufrieden. In dem laufenden Projekt zur Erforschung des Bundesnachrichtendienstes (BND) werde „nicht populistisch das Zerrbild unfähiger Schlapphüte“ gezeichnet, sagte er, sondern eines Dienstes, der aus Krisen gelernt habe und so immer professioneller werde. Zwar sei beim BND „nicht alles traditionsfähig“, fuhr Fritsche den Projektleiter Klaus-Dietmar Henke zitierend fort. Allerdings wirke das angesammelte Wissen „der Legendenbildung entgegen“.

Eine unabhängige Historikerkommission, bestehend aus vier Professoren und elf weiteren Mitarbeitern, beugt sich seit 2011 über die Akten des deutschen Auslandsdienstes. Das Ergebnis ihrer Forschung bisher: Vier Bände, angefangen bei der Gründung des BND 1946. Sie wurden gestern im BND-Neubau an der Berliner Chausseestraß präsentiert. Über ein Dutzend Bände zu der Zeit bis 1968 sind geplant.

Der seit einem Vierteljahr amtierende neue BND-Präsident Bruno Kahl sagte, das 70-jährige Jubiläum sei Anlass für einen kritischen Blick. Dabei sei es zwar nicht immer leicht gewesen, „die Grenzen der Transparenz zu bestimmen“. Freilich habe sich der Dienst die Sache viel Geld kosten lassen, nämlich 2,3 Millionen Euro. Die Experten hätten 54 000 Akten und fünf Millionen Seiten Mikrofilm einsehen können. Kahl wies überdies auf die neue „Location“ hin, die „eine Unvollendete“ sei, aber mitten in der Stadt liege. Darum und weil die Gefahren für die Sicherheit zunähmen, habe er den Eindruck: „Das Verständnis wächst.“ Gemeint war: das Verständnis für den Dienst. Fritsche ergänzte, das Forschungsvorhaben sei „weltweit bislang einmalig“.

Projektleiter Henke ging anschließend auf die Details dessen ein, was er eine wissenschaftliche „Wurzelbehandlung“ nannte. Dies betraf zunächst die Form. Es ist so, dass die Wissenschaftler alle Akten einsehen dürfen. Jedoch folgt laut Henke ein „ungemein aufwändiges Freigabeverfahren“ des BND, was wie zitiert werden darf. Es gebe gleichwohl keinen Anlass zu glauben, dass der Dienst irgendetwas unter Verschluss halte. „Sie können uns vertrauen, dass wir uns vom BND nicht über den Tisch ziehen lassen.“

Nazi-Geschichte verschwiegen

Inhaltlich wiederum ist die Bilanz der Gründungsphase ziemlich eindeutig. BND-Gründer Reinhard Gehlen war als Wehrmachtsgeneral tief in den Nationalsozialismus verstrickt. 1942 wurde er innerhalb der Wehrmacht Chef der Fremden Heere Ost und damit auch verantwortlich für die Ost-Spionage. Die so genannte Organisation Gehlen, Vorläufer des BND, war, wie es gestern hieß, zunächst eine durch und durch militärische Organisation und von Nazis durchsetzt. Gehlen seinerseits ging eine Symbiose ein mit dem Chef des Kanzleramtes unter Konrad Adenauer (CDU), Hans Globke, der bekanntlich ebenfalls eine heftige Nazi-Geschichte hatte.

Mehr als die Hälfte der späteren BND-Mitarbeiter hat die eigene NSDAP-Mitgliedschaft verschwiegen. Als 157 auf ihre Nazi-Vergangenheit überprüft wurden, entließ man 68. Unter Gehlens Führung betrachtete es die Organisation als ihre Hauptaufgabe, alles vermeintlich Linke zu bekämpfen und unter Kommunismus-Verdacht zu stellen. Erst nach und nach wurde der BND zu jenem Auslands-Nachrichtendienst, den wir heute kennen. Wie er sich genau entwickelte, soll die weitere Forschung zeigen.

Dabei hat das ganze Unternehmen auch einen gesamtdeutschen Aspekt. Der Mann, der all die Bücher verlegt, sprich Christoph Links vom gleichnamigen Christoph Links Verlag, zeigte sich deshalb gestern „beglückt“. Denn der ostdeutsche Verlag ist in der Wendezeit entstanden und befasst sich seither mit ostdeutscher Zeitgeschichte. Eines der ersten Bücher galt dem Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit. Links fragte bereits 2001 nach, wie es denn um die Untersuchung des Wirkens des BND bestellt sei. 2011 kam der Durchbruch.

Dass unter starker ostdeutscher Beteiligung westdeutsche Geschichte aufgearbeitet wird – das kommt nicht alle Tage vor.

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