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BKA-Studie zu Gewalttätern Der Zufallsextremist

Wieso werden Jugendliche zu Extremisten? Nicht die Ideologie, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wer in welche militante Szene abdriftet. Im Gros der Fälle spielt der Zufall die entscheidende Rolle.

Umfeldabhängig? Anhänger des Schwarzen Blocks in Berlin. Foto: dpa

Wieso werden Jugendliche zu Extremisten? Nicht die Ideologie, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wer in welche militante Szene abdriftet. Im Gros der Fälle spielt der Zufall die entscheidende Rolle.

Die Ideologie spielt eine deutlich geringere Rolle bei der Radikalisierung politisch motivierter Gewalttäter als bislang angenommen. Radikaler Islam, Nationalsozialismus oder Linksextremismus haben für spätere Gewalttaten zunächst eine untergeordnete Bedeutung. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie des Bundeskriminalamtes (BKA), für die Extremisten, meist in Haft, aus dem gesamten politischen Spektrum befragt wurden.

„Nahezu alle Betroffenen stammen aus dysfunktionalen Familien, aus kaputten Elternhäusern“, resümierte Uwe Kemmesies das zentrale Ergebnis der Studie. Im Gros der Fälle habe der Zufall entschieden, ob eine Person linksradikal geworden sei, Rechtsextremer oder Islamist, erläuterte der Leiter der BKA-Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus am Mittwoch in Wiesbaden.

„Ich hab mich schlecht gefühlt, alleingelassen von den Eltern“, berichtete etwa ein Rechtsextremist den Forschern. „Deswegen – nehme ich mal an – war die Techno-Szene und danach die Skinhead-Szene meine Ersatzfamilie.“ Um nicht auch noch aus dieser „Familie“ ausgestoßen zu werden, „hab ich natürlich auch alles mitgemacht“, erklärte der 30-Jährige, der zur Zeit wegen diverser Gewaltdelikte im Gefängnis sitzt. Ein Linksextremist berichtet, er sei in einer ostdeutschen Stadt aufgewachsen, in der es nur die Wahl gegeben habe zwischen „Glatzköpfen“ oder Leuten „mit bunten Haaren“.

Die Gruppe als Ersatzfamilie

Wieso werden Jugendliche zu Extremisten?, lautete die Frage, der die BKA-Forscher gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen folgten. 30 Interviews mit verurteilten Rechtsradikalen, Linksextremisten und Islamisten sowie neun Sympathisanten der linken und der islamistischen Szene wurden ausgewertet. „Die Gemeinsamkeiten in allen drei Szenen waren frappierend“, so BKA-Mann Kemmesies.

Weniger als die extremistische Ideologie spielt demzufolge ein konkretes soziales Angebot die entscheidende Rolle, in welche Szene ein junger Mensch abdriftet, lautet der Befund. Die Jugendlichen finden dort Freunde, Unterstützung, vielleicht sogar eine Wohnung, einen Job und vor allen Dingen ein Umfeld, das sie unterstützt und dem sie sich zugehörig fühlen. Eben eine „Ersatzfamilie“.

Hamburg links, Sachsen rechts

So erzählt ein 34-jähriger ostdeutscher Rechtsextremist: „Wir waren nicht nur Kameraden, wir waren Brüder und Schwestern, das ist mehr als eine Familie.“ Ein Islamist berichtet von der positiven Erfahrung, auf Leute zu treffen, „die genau das Gleiche denken wie ich“. Nach Ansicht der Wissenschaftler hätte ein junger Mann, der im Hamburger Hafenviertel aufgewachsen und später linker Gewalttäter geworden ist, genauso gut rechtsradikal werden können, wäre er in einem Dorf in Sachsen groß geworden.

Die Erfahrung in der Gruppe unterscheide sich für viele wohltuend von ihren Familienerfahrungen, die oft von Scheidungen, dem Tod eines Elternteils, häuslicher Gewalt, Alkohol und Verwahrlosung geprägt seien. Weiteres gemeinsames Merkmal sind Versagenserfahrungen. Jeder hatte in seiner Kindheit oder Jugend die Erfahrung gemacht, eine kritische Lebenssituation nicht gemeistert zu haben, und zudem kein Umfeld, das dieses Versagen gefangen hätte.

Die BKA-Forscher fühlen sich durch die Shell-Jugendstudie bestätigt, die neben positiven Befunden auch von zehn, 15 Prozent perspektivloser Jugendlicher gesprochen hatte. „Daraus speist sich unsere Klientel“, so das BKA.

Die Erkenntnisse der qualitativen Untersuchung wollen die Kriminalisten nutzen, um die Prävention zu verstärken. Man müsse überlegen, inwieweit es nötig ist, der extremistischen Indoktrinierung eine politische Alternative entgegenzustellen oder ob nicht gezielte Angebote der Jugendarbeit und Unterstützung bei der Arbeitssuche viel bessere Ergebnisse erzielen könnten. „Wir stehen dabei ganz am Anfang“, sagt Uwe Kemmesies.

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