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Bischof Fischer im Interview 'Niemand bezweifelt: Ausstieg ist das Gebotenere'

Ulrich Fischer, evangelischer Landesbischof von Baden und Mitglieder Ethik-Kommission, hält einen Konsens in der ethischen Beurteilung des Atomausstiegs für sicher.

27.05.2011 15:23
Ethik-Kommission für eine sichere Energieversorgung. Foto: dpa

Ulrich Fischer, evangelischer Landesbischof von Baden und Mitglieder Ethik-Kommission, hält einen Konsens in der ethischen Beurteilung des Atomausstiegs für sicher.

Herr Bischof, wie sehen Sie die Chancen für eine Einigung der Ethik-Kommission auf ein gemeinsames Papier?

Sehr groß. Schon jetzt haben wir einen Konsens in den ethischen Grundentscheidungen . Einig sind wir uns auch über ein Monitoring-Verfahren, in dem Fragen wie die Sozialverträglichkeit der Energiewende, Speicherkapazitäten, Ausbau der Stromtrassen erörtert werden.

Was ist mit dem Jahr 2021 als Enddatum für den Ausstieg?

Das wird sich heute zeigen, wobei alle Experten sehr klar für einen Zehn-Jahres-Korridor votiert haben, innerhalb dessen der Ausstieg zu schaffen ist.

Wenn überhaupt, kann der Korridor nur kürzer werden?

Ja. Von einer Revisionsklausel in Richtung längerer Laufzeiten war bisher nie die Rede. Der Charme unseres Papiers liegt ja gerade in der Annahme, dass ein intensives Prüfungs- und Berichtswesen den Zeitraum bis zum endgültigen Ausstieg sogar noch schrumpfen lassen kann.

Hält die Kommission nur den schnellen Ausstieg für moralisch?

Man muss sich für die Beantwortung dieser Frage gar nicht auf die kategoriale Ebene begeben und diskutieren, ob der Atomausstieg ethisch das einzig Gebotene ist. Wir sind vielmehr anhand einer relativen Abwägung der Risiken zu dem Ergebnis gekommen, dass der Ausstieg das Gebotenere ist. Hierüber waren wir uns einig, und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand das noch einmal anzweifelt.

Auch Herr Hambrecht nicht, der Ex-BASF-Chef?

Wir haben vereinbart, dass wir nicht öffentlich über einzelne Mitglieder sprechen. Aber haben Sie ein abweichendes Votum vernommen? Übrigens schafft ein klares Enddatum Investitionssicherheit für alle, die sich im Bereich der erneuerbaren Energien engagieren und die heute nicht wissen, ob sich ihre Investitionen lohnen oder nicht.

Irritiert es Sie nicht, dass sich Deutschland weltweit auf einer moralischen Insel zu befinden scheint? Der G-8-Gipfel hat nochmals gezeigt, dass die meisten anderen Nationen weiterhin auf die Atomenergie setzen.

Das ist nichts Neues. Wir hoffen, dass ein – ethisch begründeter – Alleingang Nachahmer findet, indem wir nämlich beweisen, dass ein Hochindustrieland seine Energiesicherheit auch ohne Kernkraft sicherstellen kann.

Und bis es soweit ist, sind wir umgeben von lauter Unmoral?

Ich gestehe anderen Ländern zu, dass sie zu anderen Werturteilen kommen. Das kennen wir doch aus vielen Lebensbereichen: Wir treffen eine Entscheidung, die für uns ethisch maßgeblich ist, ohne eine davon abweichende Entscheidung für verwerflich zu halten.

Ethische Fragen stellen sich aber auch an den Atomausstieg. Gibt es Belastungsgrenzen beim Strompreis, dessen Anstieg vor allem sozial Schwächere treffen würde?

Keine Frage! Nun schwanken aber die Prognosen über mögliche Preiserhöhungen derzeit zwischen 0,5 Cent und fünf Cent pro Kilowattstunde. Das muss man sich mal vorstellen! Es ist aber zu kurz gesprungen, wenn man sagt: Die Stromkosten steigen, also werden die Belastungen für die Bürger höher.

Sondern?

Ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende sind Maßnahmen zur Energie-Effizienz und zum Energiesparen in den privaten Haushalten. Per Saldo wird ein moderat höherer Strompreis bei deutlich geringerem Verbrauch zu einer Kostenersparnis für private Haushalte führen.

Aber die Vermieter werden versuchen, die Kosten für die Gebäudesanierung an ihre Mieter weiterzureichen.

Es muss zu einer gerechten Lastenverteilung kommen. Das ist Sache der Politik.

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat vor einem „hektischen“ Ausstieg gewarnt.

Ein solcher Zwischenruf aus dem Bundesland mit den energie-intensivsten Industriezweigen wundert nicht. Und tatsächlich wird man schauen müssen, ob man die Belastung für diese Branchen steuerlich mildert. Grundsätzlich aber darf das keinen Einfluss auf die Ausstiegsentscheidung haben.

Interview: Joachim Frank

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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