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Billige Ikea-Zulieferer aus Ostdeutschland IKEA profitierte von Zwangsarbeit in der DDR

Ikea hat aus alten Fehlern gelernt. Früher wiegelte der schwedische Möbelkonzern gerne ab, wenn er wegen schlechter Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit oder Steuermanipulation angeprangert wird. Im Fall von Zuliefererbetrieben aus der DDR gibt sich der Multi nun offener.

Nach der Wende 1989 wurden die ostdeutschen Betriebe Ikea zu teuer. Der Konzern verlagerte die Produktion in Länder wie Vietnam und Kambodscha. Foto: dpa

Schon vor der Ausstrahlung einer kritischen TV-Dokumentation über die Zwangsarbeit in einstigen Ikea-Zulieferbetrieben in der DDR signalisierte die Konzernzentrale in Älmhult Dialogbereitschaft. Die Reportage des öffentlich-rechtlichen schwedischen TV-Senders SVT über politische Gefangene, die in den achtziger Jahren für Ikea schuften mussten, wurde am Mittwochabend gesendet.

Man suche das Gespräch mit „Betroffenen und Organisationen“, sagte Ikea-Sprecherin Ylva Magnusson. Allerdings müssten die eigenen Untersuchungen zum Thema zunächst abgeschlossen werden. Zu diesem Zweck hat Ikea schon vor Monaten Unterlagen aus den Stasi-Archiven angefordert. Den ehemaligen DDR-Häftlingen Tatjana Sterneberg und Carl-Wolgang Holzapfel, deren „Vereinigung 17. Juni 1953“ für die Rechte der früheren politischen Gefangenen eintritt, geht das zu langsam.

Schon im Oktober 2011 hatten sie den Konzern aufgefordert, für das Geschehene einzustehen. Die Antwort war ein Brief, dass man die Nutzung politischer Gefangener in der Produktion „scharf verurteile“, und dass es im Interesse Ikeas liege, die Frage völlig aufzuklären. Doch seither herrscht Schweigen. „Wir erwarten ja nicht, dass Ikea all denen, die für sie arbeiteten, eine Rente zahlt“, sagt Holzapfel in der SVT-Sendung. „Aber wir erwarten, dass die Firma ihre Fehler erkennt und zum Beispiel im Rahmen einer Stiftung Wiedergutmachung leistet.“

Nach der Wende wurde in Asien produziert

Was die Sendung der Serie „Uppdrag Granskning“ (Auftrag Nachforschung) aufdeckt, ist für das schwedische Publikum neuer als für das deutsche. Die Nutzung von Zwangsarbeit für die Billigproduktion war 2011 auch vom WDR dokumentiert worden. Nun durchforstete SVT-Reporter Björn Tunbäck 800 Stasi-Dokumente, die Ikea betreffen, und sah, „wie bedeutungsvoll Ikea für die DDR war“. Möbelklassiker wie das Sofa Klippan (Foto), das Regalsystem Billy, der Drehstuhl Malung oder die Kinderserie Boj wurden in DDR-Fabriken gefertigt. Doch wusste die Ikea-Leitung, dass die Arbeitskräfte dafür teilweise aus Gefängnissen kam? Nichts spreche bisher dafür, heißt es in der Konzernzentrale in Älmhult.

Schon 1984 dementierte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad in einem Interview mit der Zeitung Aftonbladet derartige Gerüchte: „Nur einmal stießen unsere Kontrolleure auf einen Fabrikanten, der Gefangene ausnützte. Das war ein Lampenhersteller in Halle, und da hoben wir den Vertrag unmittelbar auf.“ Den Mitarbeitern im Möbelhaus im hessischen Wallau versicherte Kamprad damals: „Produktion für Ikea in deutschen Gefängnissen kommt nicht vor.“ Gleichzeitig aber rapportierte ein bei Ikea eingeschleuster Stasi-Spitzel, dass der Einsatz von Häftlingen, „falls er vorkommen sollte, laut Ikea im gesellschaftlichen Interesse“ sei.

Ehemalige Leiter der DDR-Möbelfabriken bestätigen in der Sendung, dass Gefangene für Ikea gearbeitet hätten. Doch damit habe Ikea nichts zu tun gehabt. „Nicht Ikea hat dies verlangt, sondern deren hiesige Partner“, und den Gefangenen habe man „etwas Gutes getan, denn sie wurden ja bezahlt“, sagt Herbert Kornetsky, einst Chef im Möbelkombinat Dresden-Hellerau.

Dieter Ott, der wegen wiederholter Ausreiseanträge ein Jahr lang in Potsdam im Gefängnis saß, sieht dies anders: „Wir waren billige Arbeitskräfte, wir bekamen nur ganz wenig Geld.“ Er fertigte Räder und Handgriffe für Schränke und Regale. Wolfgang Welsch, der wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in einem Zuchthaus in Brandenburg eingesperrt war, weiß durch die Warendeklarationen, dass die Lieferungen für Schweden bestimmt waren.

Noch 1989 pries der damalige Ikea-Konzernchef Anders Moberg die Qualität der DDR-Zulieferer. Doch dann kam die Wende und die ostdeutschen Betriebe wurden Ikea zu teuer – der Konzern verlagerte die Produktion in Länder wie Vietnam und Kambodscha.

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