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Bildungspolitik Lehrer in Italien laufen Sturm

Italiens Ministerpräsident Renzi macht sich derzeit unbeliebt - trotz der Milliarden, die er in Bildung investiert. Viele Lehrer sind sauer, weil sie regelmäßigen Leistungskontrollen unterzogen werden sollen.

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi will das Bildungssystem reformieren. Foto: dpa

Agnese Landini, wie die Ehefrau des italienischen Ministerpräsidenten heißt, hat sicher aufgeatmet, als kürzlich die Sommerferien anfingen. Sie ist Englisch- und Latein-Lehrerin an einem Gymnasium der Kleinstadt Pontassieve bei Florenz und steht damit seit Monaten im Kampf um die Reform des Bildungssystems zwischen den Fronten. Nicht nur ihre Kollegen am Gymnasium „Ernesto Balducci“, sondern laut Umfragen mehr als 70 Prozent der italienischen Lehrer sind wütend auf ihren Mann.

Premier Matteo Renzi möchte mit einer Reform, die er „La buona scuola“ getauft hat – die gute Schule – das Bildungssystem und die Lerninhalte modernisieren. Unter anderem bekommen Schulleiter sehr viel mehr Eigenständigkeit, auch finanziell. Sie sollen zu effizienten Managern werden. Die Lehrkräfte werden regelmäßigen Leistungskontrollen unterzogen, für innovativen Unterricht und besonderes Engagement wird ein Bonus gezahlt.

Gewerkschaften und Lehrer laufen Sturm. Überall in Italien wird seit Monaten protestiert und demonstriert, zwei Mal schon blieben die staatlichen Schulen geschlossen, weil die Lehrer streikten. Bei den Regionalwahlen Ende Mai hatte der Konflikt Renzi etliche Prozentpunkte gekostet.

Aber trotz des breiten Widerstands wird die Reform nun wohl am 7. Juli in Kraft treten. Die Regierung brachte den Gesetzentwurf „Die gute Schule“ am Donnerstag mit sehr knapper Mehrheit durch die entscheidende Abstimmung im Senat. Um die Kritiker in der eigenen Mitte-Links-Partei PD bei der Stange zu halten, musste Renzi wie schon so oft die Vertrauensfrage stellen. Alle Oppositionsparteien stimmten dagegen.

Reformbedarf ist enorm

Dabei zweifelt eigentlich keiner daran, dass Italiens Bildungssystem dringend Veränderung braucht. In internationalen Vergleichsstudien liegen italienische Schüler unter dem Durchschnitt. Mehr als die Hälfte der Italiener hat laut Umfrage im zurückliegenden Jahr kein einziges Buch gelesen, um Englisch-Kenntnisse ist es schlecht bestellt. Das Land gibt für Bildung schon lange weit weniger aus als andere europäische Staaten. In vielen Schulhäusern regnet es durchs Dach, Heizungen fallen aus, zuweilen stürzt gar die Decke eines Klassenzimmers ein. Und rund 180 000 prekär beschäftigte Aushilfslehrer hangeln sich von einem Zeitvertrag zum nächsten.

Angesichts der Misere müsste Renzis Reform eigentlich Begeisterung auslösen. Nachdem die Vorgänger kürzten, will er wieder ins Bildungssystem investieren. 100 000 Aushilfslehrer werden ab Herbst fest angestellt. Mit 3,7 Milliarden Euro sollen bis 2017 neue Schulen gebaut und alte saniert werden. Um den Bildungsstand zu verbessern, wird der Fremdsprachenunterricht aufgestockt, Kunstgeschichte und Musik werden wieder verpflichtend. Juristische, ökonomische und unternehmerische Kenntnisse sind neue Lernziele, auch in IT und im Umgang mit sozialen Netzwerken sollen Kinder und Jugendliche geschult werden. Zur Berufsvorbereitung werden Praktika verpflichtend, keine schlechte Idee in einem Land mit mehr als 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Und künftig sollen höchstens 25 Kinder in einer Klasse sitzen. Was also stört die Gegner der Reform?

Loredana Cioffi ist Latein-Lehrerin an einem römischen Gymnasium und Gewerkschaftsvertreterin. „Wenn Direktoren so viel Macht bekommen, ist das keine demokratische Schule mehr, wie sie in Italien Tradition hat. Entscheidungen müssen alle gemeinsam treffen“, sagt sie. Ihr Gymnasium habe einen fähigen Schulleiter. „Aber was ist mit den anderen? Wir kämpfen in Italien überall gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Wenn der Direktor die Lehrer aussuchen und über deren Bonuszahlungen entscheiden kann, ist das ein Risiko“.

Kritisiert wird auch, dass staatliche Schulen künftig jährlich bis zu 100 000 Euro Privatspenden einnehmen dürfen. Davon profitiere, wer Schüler wohlhabender Eltern hat. Schulen in Problem-Vierteln und armen Regionen hätten das Nachsehen.

Keiner will das Leistungsprinzip

Richtig in Rage bringt Lorendana Cioffi und ihre Kollegen, dass ihre Leistung künftig durch ein Komitee aus Lehrern, Eltern und Schülern beurteilt werden soll. Damit werde Konkurrenz geschaffen.

Solch erbitterten Widerstand hatte es auch gegen Renzis Arbeitsmarktreform gegeben. Der Premier hebelte den Kündigungsschutz aus, die Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Nun rüttelt er mit der Einführung des Leistungsprinzips erneut an einem Tabu. Im verschlafenen öffentlichen Dienst Italiens ist so etwas bisher undenkbar.

Wenn im September das neue Schuljahr beginnt, wollen die Gewerkschaften neue Proteste organisieren. „Es wird Chaos geben“, so die Drohung. Renzis Ehefrau hat nur eine kurze Pause.

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