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Bilderberg-Treffen Wenn sich die Eliten treffen

Es ist richtig, wenn kluge Köpfe globale Probleme diskutieren. Schlecht ist es aber für Demokratien, wenn Zirkel wie Bilderberg von weißen, westlich geprägten Männern dominiert werden.

Henri de Castries, Chief Executive Officer of France's biggest insurer Axa and Alstom Chairman and Chief Executive Patrick Kron arrive to attend an official dinner at the Elysee Palace in Paris
Henri de Castries, Chief Executive Officer of France's biggest insurer Axa (L) and Alstom Chairman and Chief Executive Patrick Kron arrive to attend an official dinner at the Elysee Palace in Paris, April 10, 2015. REUTERS/Charles Platiau - RTR4X5VY n Foto: © Charles Platiau / Reuters (X00217)

Ja, es stimmt, dass viele der Teilnehmer große Verantwortung haben, wichtige Jobs, die Akademiker einen hohen Fachkenntnisstand. Daran ist doch nichts falsch. Wenn wir unsere Welt besser verstehen wollen, ist es gut, Gespräche zwischen diesen Menschen zu erleichtern.“ So beschrieb vor zwei Tagen Henri de Castries, Vorsitzender der Bilderberg-Konferenz und Chef des Versicherungskonzerns Axa, jene Gruppe, die sich ab Donnerstag in Dresden trifft.

Diese Worte sind ein Teil des Problems.

Falsch ist es nicht, wenn kluge Köpfe globale Probleme diskutieren. Schlecht ist es aber für Demokratien, wenn Zirkel wie Bilderberg oder „Der Cercle“ und ähnliche Gebilde von konservativen, weißen, westlich geprägten Männern dominiert werden, die direkte Kontakte in die Politik haben und vor allem bestehende Verhältnisse bewahren und ihre eigenen Privilegien sichern wollen. De Castries zeigt mit seiner Selbstbeschreibung, dass dieser Gruppe der selbstkritische Moment fehlt: Denn wenn „Teilnehmer mit großer Verantwortung“ und „Akademiker mit hohen Fachkenntnissen“ zusammen kommen, dann ist Irrtum offensichtlich ausgeschlossen.

Um so wichtiger ist, wenn kritische Geisteswissenschaftler sich dieser Elite annehmen und ihre Wirkung auf unser Leben untersuchen. Um es vorwegzunehmen: Verschwörungstheoretiker werden von dem Buch „Wie Eliten Macht organisieren“ enttäuscht sein. Wer aber die komplizierten Mechanismen der Machtausübung besser verstehen will, wird es mit viel Erkenntnisgewinn lesen.

Es geht um konkrete elitäre Zirkel, die sich bei ihrer Gründung vor allem als Verteidiger gegen Kommunisten, Sozialisten und grundsätzlich linke Bewegungen verstanden haben und noch heute verstehen. Es geht um die Dominanz der ökonomischen Interessen über die sozialpolitischen, es geht um die Frage, inwieweit deutsche Alpha-Journalisten („Zeit“, „FAZ“, „Süddeutsche“) sich von der Nähe zu den Mächtigen korrumpieren ließen, es geht um Politikbeeinflussung.

Beeinflusst werden die Volksvertreter durch Lobbyisten, Think Tanks oder Wirtschaftsbosse nicht etwa bei klandestinen Treffen. Es ist die Ideologie der Elite, der Mythos der Leistungsgesellschaft, der das politische Denken prägt. Vereinfacht ausgedrückt: Viele unserer Volksvertreter halten an der Idee fest, dass westliche Demokratien gerecht sind, jene belohnen, die Leistung erbringen und sozialer Aufstieg vor allem in der individuellen Verantwortung liegt.

Zugang zu Spitzenpolitikern

Konkret zeigt sich der Widerspruch zwischen dieser Ideologie und dem Alltag darin, dass beispielsweise in Deutschland die soziale Herkunft die Aufstiegschancen eines Kindes stärker beeinflusst als die Bildungsinstitutionen, die es besucht; dass in den Chef-Etagen nach wie vor kaum Frauen und noch weniger Menschen aus bildungsfernen Familien zu finden sind; dass Lobbygruppen immer wieder an Gesetzen mitwirken, die vor allem bestimmten industriellen Gruppen nutzen und nicht in erster Linie den Bürgern eines Landes.

Auf der EU-Ebene gehört laut Autor Michael Nollert der „European Round Table of Industrialists“ (ERT) zu der wirkmächtigsten Lobby-Gruppe. Sie besteht aus „50 männlichen Chief Executive Officers (CEOs) großer transnationaler Konzerne mit Hauptsitz in Europa“. Der europäische Binnenmarkt, Abbau von Handelsschranken, eine europäische Integration im Sinne der Konzerne – all das, was in den vergangenen 30 Jahren erfolgte und weiterhin erfolgt, ist die Agenda dieser Gruppe. Die Gründung der Gruppe und ihre Motive lagen in der Wirtschaftskrise der 80er, 90er Jahre und darin, dass die Industrie-Chefs die Arbeitsprozesse der EU-Institutionen nicht passten. Sie waren zu langsam und hatte „falsche“ Prioritäten. Entsprechend gilt die Forderung an die Politik, jegliche Regulierungen ökonomisch zu überprüfen.

Man kann die Position einnehmen, dass daran nichts schlecht ist, wenn Großindustrielle für ihre Interessen kämpfen. Sie beschäftigen ja auch viele Menschen. Aber erstens erfahren die Wähler nicht, wer und mit was die von ihnen gewählten Politiker beeinflusst; zweitens dominiert eine bestimmte Gruppe den Austausch mit der Politik, es ist kein freier Disput um die gesellschaftlich sinnvollsten Ideen; und drittens hat der ERT Zugang zu den Spitzenpolitikern der EU. Der ERT ist ein Paradebeispiel für das Unterlaufen demokratischer Normen. Worauf Wähler höchstens noch Einfluss nehmen können, ist die Ausgestaltung einer Agenda, die der ERT gesetzt hat.

„Warum konzentriert man sich so auf die Geheimhaltung von Bilderberg, wenn es jeden Tag Zehntausende Treffen gibt, deren Inhalt nicht öffentlich ist?“, fragte De Castries. Man kann ihm nur zustimmen: Bilderberg transparenter zu machen, kann nur der Anfang sein, andere Klüngeleien müssen auch öffentlich werden. Das Buch „Wie Eliten Macht organisieren“ ist eine gute Grundlage dafür.

Wendt/Klöckner/Pommrenke/Walter (Hrsg): Wie Eliten Macht organisieren
VSA-Verlag, 256 Seiten, Euro 19,80

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