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Beziehungen zu Afrika „Wieso soll Afrika das hinnehmen?“

Ein Gespräch mit der NGO-Gründerin Verena Stamm-Ndorimana über unfaire Beziehungen zwischen der EU und afrikanischen Staaten.

Diamantenmine in Afrika
Diamantenmine in Afrika: Häufig wurden bislang in Afrika Industriezweige gefördert, die nicht für nachhaltiges Wirtschaften stehen. Foto: imago

Frau Stamm, seit 1972 leben Sie in Burundi, Sie engagieren Sie sich da vor allem für Kinder und Frauen, nun schwillt im Land wieder die Gefahr eines Bürgerkrieges, sehen Sie dennoch positive Entwicklungen?
Man könnte meinen, es sei unmöglich, etwas Positives zu sehen. Aber Zweifel helfen nicht. Man sollte vielmehr erkennen und schätzen, dass die Bevölkerung – und die Jugendlichen insbesondere – sich bemühen, ihr Leben unter schwierigsten Bedingungen zu gestalten. Das trifft auch auf das Lernen zu. Die Jugendlichen möchten sich nicht mit der Situation abfinden, sondern vorankommen. Insofern kann man die Energie der Jugend als positive Entwicklung betrachten.

Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen der EU und Afrika?
Die EU ist immer noch der größte Geber in Entwicklungshilfe. Die ist aber gekoppelt an Bedingungen wie Demokratieförderung und Menschenrechte. Da hapert es in vielen Ländern Afrikas. Die EU kann die Entwicklungshilfe als Druckmittel nutzen, wie sie es gerade bei Burundi auch tut. Ob das positiv ist, sei dahingestellt. Der Südsudan lässt sich genauso wenig wie Burundi davon beeindrucken. Besonders kritisiert werden hier die Freihandelsabkommen zwischen EU und afrikanischen Ländern.

Warum genau?
Bei dem Abkommen der EU mit der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) wären die Afrikaner die Verlierer. In Deutschland hat man das Freihandelsabkommen mit den USA als sehr kritisch bewertet, wieso sollten es die Afrikaner dann einfach so hinnehmen? Ehrlicher wäre es, Industrien zu entwickeln, und Afrika Wertschöpfung zu erlauben, anstatt immer nur Rohstoffexporte.

Welche innerburundischen Ursachen sind für Probleme des Landes verantwortlich?
Burundi hat seit der Unabhängigkeit 1962 immer wieder ethnisch motivierte politische Konflikte ausgetragen. Die Wurzel darin liegt zum großen Teil in den kolonialen Machenschaften, die ethnische Unterscheidung praktizierten und Hass schürten. Das von Tutsi geführte Militär, das durch einen Putsch an die Macht gekommen war, tötete 1972 etwa 200.000 Hutu, vor allem in der intellektuellen Elite. 1993, als der frisch gewählte Präsident – ein Hutu – ermordet wurde, begann der Bürgerkrieg mit ebenso vielen Toten, dieses Mal hauptsächlich Tutsi. Eine wirkliche Aufarbeitung von all dem fand bislang nicht statt.

Was können die Menschen vor Ort selbst anders machen, damit Sie weniger abhängig werden von fremden Geld?
Eine Möglichkeit ist, durch Eigeninitiative neue Geschäftsmöglichkeiten und Industrien aufzubauen. Die Landwirtschaft, immer noch die wichtigste Einnahmequelle, muss verbessert werden. Ausbildungen sind sehr wichtig, deshalb bräuchte es mehr Investition in den Bildungssektor. Europa kann viel mehr im Know-how-Transfer leisten. Auch die burundische Diaspora kann viel zur Entwicklung Burundis beitragen. Allerdings braucht es für all das erst einmal eins: Vertrauen.

Und zum Schluss: Wollen Sie selbst eigentlich nach Deutschland zurückkehren?
Ich lebe schon sehr lange in Burundi. Ich besuche regelmäßig und sehr gern mein Land Deutschland, aber mein Mann und ich haben einiges in Burundi aufgebaut. Nach so langer Zeit will und kann ich das alles schlecht stehen und liegen lassen. Der „ruhige Pol“ Deutschland fehlt uns beiden aber sehr.

Das Interview führte Viktor Funk.

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