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Bezahlte Meinungsmache in Russland Kremlgate - die schmutzigen Tricks der Putin-Jugend

500 Euro für einen Blogeintrag, 30.000 für einen Artikel, 11.000 für eine Facebook-Gruppe: Russische Hacker haben aufgedeckt, wie die Putintreue Jugendorganisation "Naschi" im Internet Propaganda für Putin macht und die Diffamierung der Kreml-Gegner betreibt.

Aktivisten der kremltreuen Jugendorganisation "Naschi" feiern den Wahlsieg der Putin-Partei. Foto: dpa

Das Internet war in Russland bisher eher die Waffe der Opposition. Doch die kremltreue Jugendorganisation "Naschi" versucht das zu ändern - mit aller Macht und viel Geld. Eine Gruppe russischer Hacker, die sich dem Netzwerk Anonymous zurechnet, hat sich in die E-Mail-Korrespondenz der Führer von Wladimir Putins junger Kampftruppe gehackt und Hunderte Mails und Dokumente im Internet veröffentlicht.

Die Dokumente zeigen, mit welch ausgeklügelter Strategie die Putin-Anhänger versuchen, auf allen Kanälen die öffentliche Meinung über Russlands noch beliebtesten Politiker zu beeinflussen. So enthalten mehrere E-Mails von Aktivisten an Naschi-Sprecherin Kristina Potuptschik detaillierte Preislisten zu gekauften Meinungsbeiträgen.

Für Putin-freundliche Einträge wurden Blogger demnach schon mal mit 500 Euro bezahlt, mehr als 15.000 Euro flossen für entsprechende Kommentare zu kremlkritischen Artikeln im Internet. 12.700 Euro kostete ein Videoclip über Putin beim Achterbahnfahren. Geschickt nutzt die Putin-Jugend auch soziale Netzwerke: So wurde die Organisation der Gruppe "Ich mag Putin wirklich" im russischen Facebook-Lookalike "Wkontakte" mit 12.500 Euro monatlich abgegolten. Was wie spontane Äußerungen von Volkes Sympathie für den Premier aussehen sollte, waren in Wirklichkeit bezahlte Kampagnen.

Nette Zeilen über Putin im Sommercamp

Doch die veröffentlichten Mails legen auch den Schluss nahe, dass Journalisten herkömmlicher Medien für das Hofieren des Kreml und der Regierungspartei "Geeintes Russland", der sowohl Premier Putin als auch Präsident Dmitri Medewedew angehören, bezahlt wurden. Eine E-Mail vom Juni 2011 an Naschi-Sprecherin Potuptschik enthält eine detaillierte Preisliste für "richtige Berichterstattung über Seliger". Am Seliger-See findet das jährliche Sommercamp der Jugendorganisation statt, das traditionell von Putin und Präsident Dmitri Medwedew besucht wird.

Zwar ist die 2005 gegründete Jugendorganisation ofiiziell unabhängig und gehört zu keiner Partei, doch Pro-Putin-Kampagnen lässt sie sich einiges kosten. Der Aufstellung zufolge wurden für einzelne Artikel in den großen überregionalen Zeitungen "Nesawisimaja Gaseta", "Moskowski Komsomolez" und "Komsomolskaja Prawda" bis zu 30.000 Euro gezahlt. In der Liste sind Anlass (etwa "Ankunft Putins"), Zeilenzahl und Erscheinungsdatum detailliert aufgeführt.

In einem Bericht der britischen Zeitung "The Guardian" vom Dienstag wiesen die genannten Zeitungen die Vorwürfe zurück. Seine Zeitung habe nie ein Geschäft mit einer politischen Partei abgeschlossen, so der stellvertretende Chefredakteur der "Nasawisimaja Gaseta", Arkadi Chantsewitsch. Man werde dem Vorwurf nicht weiter nachgehen.

Ein Sprecher des "Moskowski Komsomolez" tat den Vorwurf der Bestechlichkeit laut "Guardian" gar mit den Worten ab, er lese nicht, was im Internet über seine Zeitung geschrieben werde. "Das interessiert mich nicht."

Illegale Attacken gegen das "Lumpenpack"

Etwas größer dürfte das Interesse bei den wenigen kremlkritischeren Medien sein. Schließlich finden sich in der gehackten Korrespondenz auch Indizien für Angriffe von "Naschi"-Aktivisten auf solche Seiten. So schlägt Sprecherin Potuptschik in einer Mail mit dem Betreff "Attacke" vor, die Internetseite der Wirtschaftstageszeitung "Komersant" mit einer sogenannten DDoS-Attacke - für mehrere Stunden zusammenbrechen zu lassen, "offiziell nicht von uns". Wörtlich heißt es am Ende der Mail: "Alle illegalen Attacken wird niemand beweisen können, aber all das Lumpenpack wird begreifen, dass man sich mit uns besser nicht einlässt."

Einschüchtern, sabotieren, verunglimpfen: Diese Strategie bekamen auch oppositionelle Hoffnungsträger wie der Blogger Alexej Nawalny zu spüren. Über ihn wurde ein Zeichentrick-Video gedreht, in dem er mit Hitler verglichen wird, und auf Youtube lanciert. Die Pläne dazu finden sich in den gehackten Mails.

Russische Medien schweigen

Vom britischen "Guardian" um eine Stellungnahme gebeten, wollten die Spitzenfunktionäre von "Naschi" die Authentizität der veröffentlichten Dokumente weder bestätigen noch dementieren. Sowohl Potuptschik als auch "Naschi"-Chef Nikita Borowikow gaben jedoch indirekt zu, dass es eine Hackerattacke auf ihren E-Mail-Account gegeben hat. "Ich kommentiere keine illegalen Aktionen", sagte Potuptschik der britischen Zeitung. In den russischen Medien spielt das Thema bis dato keine Rolle, obwohl die Dokumente bereits in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden.

Eine Reihe von Mails stammen auch vom ersten Chef der Putin-Jugend, Wassili Jakemenko, der inzwischen als Chef der staatlichen Jugendagentur selbst im Kreml sitzt. Von dort kommt den veröffentlichten Dokumenten auch das Geld für die "Naschi"-Meinungsmache im Netz. In mehreren Nachrichten ist von "Putins Kasse" die Rede. Der Premier kann sich im Präsidentschaftswahlkampf offenbar auf seine junge Stoßtruppe verlassen. Das ist um so wichtiger, als sein offizieller Internetauftritt Mitte Januar zu einer ziemlichen Blamage geriet. Medienberichten zufolge hagelte es nach der Einführung der Seite www.putin2012.ru Kritik und Rücktrittsforderungen.

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