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Besetzung der Seniorenfreizeitstätte Stille Straße Die Ungehorsamen

Seit zwei Wochen hält eine Gruppe von Rentnern eine alte Villa im Berliner Stadtteil Pankow besetzt. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr Seniorenklub geschlossen wird. Ein Hausbesuch.

14.07.2012 22:25
Frank Junghänel
Das Besetzerkollektiv: Elli Pomerenke, Doris Syrbe, Brigitte Klotsche, Margret Pollak, Peter Klotsche und Ingrid Pilz (v. l.) Foto: BLZ / Benjamin Pritzkuleit

Seit zwei Wochen hält eine Gruppe von Rentnern eine alte Villa im Berliner Stadtteil Pankow besetzt. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr Seniorenklub geschlossen wird. Ein Hausbesuch.

Berlin Elli Pomerenke braucht keinen Wecker, um jeden Morgen auf die Minute genau wach zu werden. Sie ist 74 Jahre alt, ihre biologische Uhr hatte lange genug Zeit, sich auf alle Gegebenheiten des Lebens einzustellen. Jedenfalls auf fast alle. Ein Haus hat sie bisher noch nicht besetzt, deshalb stellt sie jeden Abend zur Sicherheit den Alarm ihres Handys. Das hat um halb sieben gepiept, wieder überflüssigerweise, wie sie sagt. Es ist Mittwoch, der zwölfte Tag für die Besetzer des Hauses Stille Straße 10 im Berliner Stadtteil Pankow. Langsam stellt sich Routine ein. Der Mensch gewöhnt sich. Elli Pomerenke, die im Schachzimmer der Villa schläft, steht immer als Erste auf. Dann klopft sie an die Tür von Ingrid Pilz, 76, und schließlich weckt sie Margret Pollak, die mit ihren 67 die jüngste der drei Frauen ist, die im Obergeschoss des Hauses übernachten. Fein aufeinander abgestimmt benutzen sie das Bad, wo es leider nur kaltes Wasser gibt. Parterre haben Brigitte und Peter Klotsche, 73 und 71 Jahre alt, ihr Lager auf einem Lattenrost im Klubraum aufgeschlagen. Und in der Küche findet Doris Syrbe, 72, ihre Ruhe, sofern man auf einer Gartenliege aus Plastik überhaupt Ruhe finden kann.

Inmitten des neuen Reichtums

Halb neun gibt es Frühstück, der Tisch ist gedeckt mit frischen Schrippen, Käse, Aufschnitt, Obst, alles Spenden, alles liebevoll arrangiert. „So, lasst es euch schmecken“, sagt Doris Syrbe, sie ist die Vorsitzende des Klubvorstands der Seniorenfreizeitstätte Stille Straße 10 und eine Art Chefbesetzerin. Ob sie das nun will oder nicht. Meistens will sie, es gibt aber auch Momente, in denen ihr das Ganze über den Kopf zu wachsen droht. Das ist ja auch kein Wunder. Was als Protest im Wohngebiet gedacht war, hat auf einmal riesige Resonanz gefunden, weit über Berlin hinaus. Den ganzen Tag gehen irgendwelche Leute in der Villa ein und aus, sie wollen sich ins Gästebuch einschreiben, Unterstützung anbieten oder einfach nachsehen, was diese renitenten Rentner da so treiben.

Dazu kommt die interessante Nachbarschaft. Das Haus in einer Seitenstraße des Majakowskirings gleich neben dem Schloss Niederschönhausen steht wie kein anderes für die historischen Brüche in diesem Teil der Stadt. 1927 für einen Pianofabrikanten gebaut, ging es nach dem Krieg an die DDR-Regierung, die sich hier in einem abgesperrten Karree einrichtete. Die Piecks, Grotewohls und Ulbrichts wohnten um die Ecke. In der Stillen Straße 10 lebte eine Zeit lang die Familie von Erich Mielke. Die Schriftstellerin Monika Maron hat den speziellen Charakter dieses Winkels in ihrem Buch „Stille Zeile Sechs“ beschrieben.

Heute fühlen sich in diesem Viertel vorwiegend Familien wohl, die sich großzügige Villen und moderne Bungalows leisten können, gern mit Tennisplatz. Inmitten dieses neuen Reichtums versteckt sich das grau geputzte Haus in der Stillen Straße 10. Dort treffen sich seit vierzehn Jahren etwa dreihundert Senioren des Bezirks, um gemeinsam ein paar Stunden ihrer Freizeit zu verbringen. Man spielt Canasta und Bridge, lernt Englisch und Spanisch, bildet sich politisch und Sportgruppen gibt es auch. Alles das soll nun ein Ende haben. Der Bezirk kann die 60.000 Euro jährlicher Unterhaltskosten nicht mehr aufbringen. Eine Sanierung würde um die zwei Millionen kosten. Jetzt sollen die Gruppen umgesiedelt werden, in Kitas und Jugendklubs zum Beispiel. Das lassen sie sich nicht gefallen.

Gestern ist es spät geworden

So geht es in Pankow längst nicht mehr nur um die Erhaltung eines Seniorenklubs. Es geht um den Umgang mit Menschen, die eine genaue Vorstellung davon haben, wie sie die Zeit nach ihrem Berufsleben gestalten möchten. Während alle Welt vom demografischen Wandel redet, ist eine Vorhut dieses Wandels bereits in der Stillen Straße eingezogen. Die Besetzer gehören zu einer Generation, die sich ihr Alter nicht in Jahren vorrechnen lassen will. Wenn sie sagen: Wir stehen mitten im Leben, dann meinen sie das ernst. Nicht zufällig sind es fast nur Frauen und nicht zufällig kommen fast alle aus dem Osten. Das hat ihnen den Vorwurf der zuständigen SPD-Sozialstadträtin eingebracht, „ein auslaufendes Modell“ zu sein, wie Doris Syrbe die Politikerin zitiert. Um zu begreifen, dass eben genau das Gegenteil der Fall sein könnte, hilft es, die Lebensgeschichten der Besetzerinnen ein wenig genauer kennenzulernen.

Gestern Abend ist es spät geworden. Frau Pomerenke, Frau Pollak, Frau Klotsche und Frau Syrbe waren bei der Premiere des Films „Bis zum Horizont, dann links“ in der Kulturbrauerei. Plötzlich gab es einen Anruf, und dann mussten sie auch schon los. Es geht in diesem Film um die Bewohner eines Altenheims, die sich mit einem gekaperten Flugzeug davonmachen. Das passt natürlich. Sie durften am Roten Teppich ihre Plakate in die Kameras halten, und später im Saal wurden sie persönlich begrüßt. Zurück im Haus konnten sie nicht gleich schlafen, aufgekratzt, wie sie waren. Sie haben noch bis um eins zusammengesessen.

Für sie war es keine Frage, bei der Besetzung mitzumachen

Im Kino war es eigentlich ganz lustig, aber Elli Pomerenke hatte oft einen Kloß im Hals. Vor anderthalb Jahren ist ihr Mann gestorben. Sie hatte ihn in das betreute Wohnen bringen müssen, als es zu Hause nicht mehr ging. Gemeinsam mit ihm war sie vor zwölf Jahren zum Seniorenklub gekommen. Damals gab es eine Initiative des Pankower Bezirksbürgermeisters, die sich speziell an ältere Arbeitslose und Vorruheständler richtete. Die Absicht war es, den Leuten Halt zu geben, sagt sie. Da wusste sie noch nicht, wie dringend sie diesen Halt einmal benötigen würde. Elli Pomerenke ist eine zurückhaltende Frau, sie spricht leise, was dazu führen könnte, sie zu unterschätzen.

Das sollte man nicht tun. Als Flüchtlingskind aus Hinterpommern musste sie es früh lernen, sich durchzusetzen. Sie ist gelernte Verkäuferin, hat sich zur Handelskauffrau qualifiziert und später Ökonomie studiert. Nach Jahren als Hauptbuchhalterin einer Genossenschaft wurde sie 1985 Abteilungsleiterin Finanzen in einem kleinen Berliner VEB. Als sie genötigt werden sollte, wegen ihrer Leitungsposition der SED beizutreten, hat sie sich mit einem Rechtsbeistand gewehrt. 1992 dann die vorzeitige Rente. Da war sie Mitte fünfzig. Der Klub sei für sie und ihren Mann rasch ein Fixpunkt in ihrem Leben geworden, sagt sie. Und ohne ihren Mann erst recht. In dieser schwierigen Zeit hätten sich alle fürsorglich um sie gekümmert. „Ich dachte mir, entweder gehst du den Weg, dass du weg bist – oder du packst es irgendwie.“ Für sie war es keine Frage, bei der Besetzung mitzumachen.

Die Jungen von heute sind die Alten von morgen

Schon gar nicht für Margret Pollak. Sie ist der Gegenpol zu Elli Pomerenke, schnell auf hundertachtzig, in jeder Ecke zu hören, und das Rauchen hat sie sich auch wieder angewöhnt. Früher war sie als OP-Schwester im Klinikum Buch beschäftigt, dann noch für ein paar Jahre am Franziskus-Krankenhaus nahe der Gedächtniskirche. Margret Pollak erlebt die Hausbesetzung als großes Abenteuer. Es könnte ewig so weitergehen. Vielleicht geht es ewig so weiter. Polizeilich geräumt wird das Haus bestimmt nicht.

Der Tag ist noch frisch und schon haben alle die Übersicht verloren. Der Korrespondent des Schweizer Fernsehens spaziert mit seiner kleinen Tochter durchs Haus und findet die Aktion spannender als Occupy. Ein Vertreter der Piratenpartei aus dem benachbarten Reinickendorf berichtet davon, dass er seit Kurzem eine Mehrgenerationen-Squad leitet. „Hört sich komisch an“, sagt er, „wir haben manchmal Ausdrücke, die keiner versteht.“ Die Jungen von heute sind die Alten von morgen. Das ist in etwa gemeint.

Im Vestibül der Villa stehen zwei Herren in schwarzen Anzügen. Sie kommen vom iranischen Fernsehen und möchten einen Beitrag für die Nachrichtensendung drehen. Peter Klotsche erhält den Auftrag, sie durchs Haus zu führen. Er spricht besonders deutlich, weil er das Gefühl hat, die Männer verstehen ihn nicht richtig. „Hier schläft eine Person. Überall eine Person“, erklärt er, als er die Tür zum Bridgezimmer öffnet, wo jetzt Ingrid Pilz ihr Zuhause hat. Die zarte Frau mit dem ordentlichen weißen Hemdkragen über dem Pulloverausschnitt hat als studierte Wirtschaftsingenieurin zu Ostzeiten lange Jahre in der öffentlichen Verwaltung gearbeitet. Mit 55 Jahren wurde sie in den Vorruhestand geschickt. Ihre Abfindung betrug 2?500 DDR-Mark. Heute fehlen ihr Entgeltpunkte für zehn Jahre Rente.

„Es ist der blanke Wahnsinn“

Aber das bekommen die Iraner gar nicht mehr mit. Sie sind mit ihrem Begleiter schon ein Zimmer weiter. „Es ist wichtig für euer Land, dass es Frauen sind, die diesen Aufstand wagen“, sagt Peter Klotsche, der aus der Nähe von Dresden stammt. „Bei euch isses ja ooch noch so ein bissel mit den Frauen, ne.“ Der iranische Kollege wirkt irritiert und setzt zu einem längeren Exkurs an, der ungefähr darin gipfelt, dass der Prophet aus dem Schoße der Frau zum Himmel aufgestiegen ist. Das alles lässt wiederum Peter Klotsche etwas ratlos zurück.

Da spricht er lieber von der Solidarität. „Das ist hier eine Form von Solidarität, wie wir sie als DDR-Bürger so gar nicht kennen.“ Damals habe man sich auch geholfen, wenn einer was brauchte, hatte es der andere. Wenn einer umgezogen ist, haben die Kollegen mit angepackt. Aber jetzt kommen völlig fremde Menschen, die mittun wollen. Eben fragen zwei junge Mädchen schüchtern, ob sie helfen können. In der Küche mit dem Schild „Zutritt unerwünscht!“ kocht ein Quartett mit bunten Dreadlocks ein veganes Mittagsmahl, auf den Fliesen liegt ein schlanker Hund namens Kessi. „Es ist der blanke Wahnsinn“, sagt Peter Klotsche.

Sie halten an dem Haus und an ihrer Idee einer Gemeinschaft fest

Im Stab des Seniorenklubs firmiert er als Grillmeister. Das ist kein Wunder, einer wie er, immer hilfsbereit, muss einfach grillen. Peter Klotsche hat Schlosser und Schmied gelernt und kann eigentlich alles. Mit siebzehn ist er auf Montage gegangen, in Beelitz hat er sich in seine spätere Frau Brigitte verliebt, Blumenbinderin von Beruf. 1960 sind sie nach Berlin gezogen, um eine Gärtnerische Genossenschaft mit aufzubauen. Im Angebot waren Rosen, Nelken, Gerbera, Paprika und Gurken. Mit 42 Jahren hat Peter Klotsche noch seinen Meister gemacht und dafür die zehnte Klasse nachgeholt. Dann kam die Wende und mit ihr kamen die Holländer und ihre Billigblumen. 1991 ist die Genossenschaft das erste Mal pleitegegangen, 1993 dann richtig. Der Vorsitzende hat sich auf dem Gelände das Leben genommen. Peter Klotsche macht sich heute noch Gedanken, weil er kurz zuvor gekündigt hatte. Aber das Angebot einer Baufirma konnte er nicht ablehnen. Er war 53 und sah ja, dass es mit den Blumen zu Ende ging. Bis 2003 hat er noch gearbeitet, für Brigitte Klotsche gab es eine Weile als Erzieherin in einer alternativen Kita etwas zutun.

Sie haben keine Zeit mehr zum Erzählen, im Klubraum hat die Leiterin der Pankower Seniorenvertretung Platz genommen. Doris Viebig erscheint nicht gern zu diesem Termin, was nur verständlich ist, denn ihr Gremium hat die Schließung des Hauses empfohlen. Die Bezirksverordneten von SPD, Grünen und Piraten haben den Beschluss gefasst. Nur die Linkspartei war dagegen. Nun ist es, wie es ist. Doris Syrbe und Doris Viebig sitzen sich gegenüber, zwischen den beiden etwa gleichaltrigen Frauen nicht nur der Konferenztisch mit einer Honigmelone. Sie verstehen sich nicht, können sich nicht verstehen, wollen es auch nicht.

Doris Viebig, verwaltungserfahren, sieht die Seniorenbetreuung als moderne Dienstleistung, generationsübergreifend, kostengünstig, interessenbezogen. Für sie ist so ein Seniorenzentrum nur ein Klotz. Doris Syrbe und ihre Leute halten an dem Haus fest, mehr noch halten sie an ihrer Idee einer Gemeinschaft fest, die sie dort gefunden haben. Die meisten von ihnen leben allein.

Das Alter vor dem Alter

Auch in dieser Hinsicht sind sie Pioniere der demografischen Tendenz. In naher Zukunft wird sich die Zahl der Rentner in Pankow um ein Zehntel erhöhen, 32.000 Senioren, viele gut ausgebildet, berufserfahren, lebenstüchtig und viele ohne Partner. Singles werden auch irgendwann alt. Um zu verstehen, was auf den Bezirk und die Gesellschaft zukommt, braucht man nur den Englischkurs zu besuchen, der sich am Nachmittag oben in der Villa trifft. Ein Mann und acht Frauen, letztere in schicker Sommergarderobe, früher Architektin, Ärztin, Kunstwissenschaftlerin, Lehrerin, Medizinische Assistentin, jetzt Seniorin. Womit sich die Problematik dieses Begriffs sehr anschaulich beweist. Wenn heute von Senioren die Rede ist, geht es zumeist um Demenz und Pflege. Es gibt aber ein Alter vor dem Alter.

Doris Syrbe, die Anführerin der Hausbesetzer, kann es genießen. Sie reist viel und gern auch weit. Eine gute Rente macht es möglich. Anfangs war es schwer, Begleitung zu finden. Ihr Mann ist früh gestorben, er war erst einunddreißig. Sie blieb allein und ist heute mit einer guten Bekannten unterwegs. Australien, Kanada, USA haben sie schon gesehen, Neuseeland steht noch aus. Warum auch nicht, das Leben war kompliziert genug. Die Mutter todkrank, der Vater in Stalingrad, musste sie von klein auf für sich selber sorgen. Sie hat Imkerin gelernt, sich zur Sekretärin weitergebildet, ein Fernstudium absolviert und dann im Fernmeldewesen gearbeitet, erst in Ost-Berlin, nach der Wende in Tempelhof, wo sie nach einer Zeit des gegenseitigen Fremdelns ihre Westkollegen anleiten durfte. „Man lässt sich ungern die Butter vom Brot nehmen“, sagt sie mit einem spöttischen Blick, der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die zwei strapaziösen Wochen bei ihr Spuren hinterlassen haben. Sie sieht ein bisschen blass aus. Doch so müde ihre Augen auch sein mögen, so sorgfältig sind sie mit Lidschatten geschminkt. Wie bei allen Damen in der Villa. Nur weil man ein Haus besetzt, muss man sich ja nicht gleich gehenlassen.

 

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