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Beschneidungsurteil "Beschneidungsverbot wird sich nicht halten"

Die jüdische Philosophin Almut Bruckstein Çoruh kritisiert das Beschneidungsverbot. Die Diskussion über Grundwerte hält sie für vorgeschoben, in Wahrheit habe das Verbot andere Motive.

02.07.2012 17:03
Almut Sh. Bruckstein Çoruh, Professorin für Jüdische Philosophie. Foto: privat

Frau Bruckstein, haben Sie darüber nachgedacht, ob Sie sich einer Körperverletzung schuldig machen, als Sie Ihre Söhne beschneiden ließen?

Keine Sekunde. Was zurzeit diskutiert wird, klingt wie eine ernsthafte Diskussion über Grundwerte oder strafrechtliche Bestimmungen. Tatsächlich aber wird unter dieser Oberfläche eine ganz andere Frage verhandelt.

Nämlich welche Frage?

„Wie viel Islam wollen wir in Deutschland?“ Das Verbot der Beschneidung wird am Fall einer muslimischen und nicht einer jüdischen Familie exerziert. Dahinter verbirgt sich die Angst vieler Deutscher vor einer archaischen, gewaltbereiten Religion, die das christliche Abendland bedroht. In Wahrheit ist es absurd anzunehmen, es gäbe in Grundwertefragen irgendwelche Diskrepanzen zwischen Muslimen und Juden einerseits, Christen oder nicht-religiös Gebundenen andererseits.

Wer an die Rolle der Frau im Islam denkt, kann sich dieses Urteils nicht erwehren.

Sie müssen die traditionell überlieferte Rechtsprechung, islamische Scharia oder jüdische Halacha, die in jahrhundertelanger Auslegung von klassischen Texten durch Gelehrte in alle Richtungen verhandelt wird, von den Grundwerten der Religion unterscheiden.

Ich glaube, niemand möchte unter dem archaischen Strafrechtsregime einer patriarchalisch ausgelegten Scharia oder einer rassistisch ausgelegten Halacha leben. Andererseits gibt es jede Menge feministischer und kosmopolitischer Lektüren jüdischer und islamischer Quellen.

In den Grundwerten aber stimmen alle überein: Jede Tradition fordert Güte, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und ein Recht auf die Unversehrtheit des Körpers und der Seele. Diese Grundwerte sind für Juden und Muslime genauso maßgeblich wie für alle anderen. Und, glauben Sie mir, die Grundwerte des deutschen Grundgesetzes können sehr gut mit jüdischen und islamischen Traditionen begründet werden.

Es gibt also keinen Grundwertekonflikt bei der Beschneidung?

Überhaupt keinen. Das zu suggerieren, wäre falsch und anmaßend und zieht einen Graben durch die Gesellschaft. Es handelt sich doch um eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wird ein Junge durch die Beschneidung seelisch und körperlich versehrt? Das wird er nicht, auch nicht nach Meinung einschlägiger Experten, ob Mediziner oder Psychologen.

Der deutsche Staat verweigert sich hier der Anerkennung einer Lebensgestaltung, die ihm fremd ist. Auch im 19. Jahrhundert attestierte man Juden, egal wie liberal sie waren, die Rückständigkeit ihrer Religion: Die Beschneidung sei „barbarisch“, der Talmud unmoralisch. Das Urteil des Landgerichts geht noch weiter, es bedeutet eine unmittelbare Kriminalisierung und Rechtsunsicherheit.

De facto ist die Beschneidung ein operativer Eingriff, für den es in Deutschland immer einen Rechtfertigungsgrund geben muss.

Die Thora, der Schabbat und die Beschneidung sind die Herzstücke jüdischen Lebens. An ihnen hängt die gesamte jüdische Tradition. Anders gesagt: Ohne die Beschneidung kann es in Deutschland kein jüdisches Leben geben.

Warum das denn nicht?

Weil die Beschneidung das überlieferte Zeichen der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft ist. Das hebräische Wort dafür ist „Brit“, gewöhnlich übersetzt als „Bund“. Die Beschneidung besiegelt diesen Bund nicht, sondern konstituiert ihn. Das Kölner Urteil macht – sicherlich ungewollt – einen Witz aus der seit 1945 ständig wiederholten Beteuerung, jüdisches Leben in Deutschland solle wieder möglich sein. Juden und Muslime gehören zu Deutschland. Aber bitte ohne Tradition? Das ist absurd. Deswegen wird sich dieses Urteil auch nicht halten.

Es könnte doch sein, dass das Gericht die Fragwürdigkeit einer Tradition aufgewiesen hat, die Kinder ungefragt einer Glaubensgemeinschaft angliedert und ihnen dabei auch noch Gewalt antut.

Wer so denkt, hat keine Ahnung von der jüdischen und muslimischen Lebenswirklichkeit. Glauben Sie, jüdische und muslimische Eltern wollten ihren Kindern „Gewalt antun“? Die Beschneidung ist eines der wichtigsten Feste im jüdischen und muslimischen Leben, vergleichbar, so sagen die Mystiker, eigentlich nur mit der Hochzeit.

Jeder, der einmal dabei war, weiß, dass der Schmerz der Beschneidung unter korrekter Handhabung verschmerzt wird, ohne seelischen oder körperlichen Schaden. Ein jüdischer Knabe erhält, soweit wir denken können, mit der Beschneidung seinen Namen. Zu meinen, ein Gerichtsurteil aus Deutschland könne dies ändern, zeugt von befremdlicher Überheblichkeit. Für viele säkulare Eltern in großen Teilen der westlichen Welt ist die Beschneidung ihrer Söhne übrigens ganz einfach eine Frage des Stils, ohne Ansehen irgendeiner Tradition.

Das Gespräch führte Joachim Frank.

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