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Beschneidung „Das Recht auf Tradition respektieren“

Die Anzeige gegen einen Berliner Rabbi wegen eines umstrittenen Rituals hat die Debatte über Beschneidung neu entfacht. Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz distanziert sich im Interview von der kritisierten Beschneidungsmethode.

16.04.2013 17:46
Rabbi Pinchas Goldschmidt (49), ist seit 2011 Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz. Der Dachorganisation der orthodoxen Juden in Europa gehören rund 700 Geistliche an. Der gebürtige Schweizer gehört dem Russisch-Jüdischen Kongress an und ist seit 1993 Oberrabbiner von Moskau. Der 49-Jährige ist verheiratet und hat sieben Kinder. Foto: dpa

Für ihren Einsatz für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland während der Beschneidungsdebatte ehrt die Europäische Rabbinerkonferenz, der größte rabbinische Verband Europas, Kanzlerin Angela Merkel. Doch nun droht die Debatte neu entfacht zu werden. In Berlin wurde Anklage gegen einen Mohel, einen jüdischen Beschneider, und den Vater des Kindes erhoben. Der Mohel praktizierte ein besonderes Ritual mit Namen Metzitza: Nachdem er die Vorhaut abgetrennt hat, saugt er das Blut aus der Wunde mit dem Mund ab und nicht, wie üblich, mit einer Pipette. Rabbi Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, distanziert sich von dieser Methode.

Wie bewerten Sie den jüngsten Fall?

Nach den jüdischen Gesetzen ist das Aussaugen der Wunde Teil der Tradition. Wir empfehlen, eine Pipette oder ein Röhrchen zu verwenden, und nicht den Mund, um eine Infektion des Kindes mit Herpes oder sexuell übertragbaren Krankheiten zu vermeiden. Nach den jüdischen Religionsgesetzen ist das Absaugen mit Pipette zulässig. Es ist auch die übliche Methode in ganz Europa.

Wie der Berliner Fall zeigt, gibt es in Deutschland eine Minderheit, die Ihren Empfehlungen nicht folgt.

Manche ultraorthodoxen geschlossenen Gemeinden glauben, nicht von sexuell übertragbaren Krankheiten und Herpes betroffen zu sein, da es bei ihnen keinen vor- oder außerehelichen Sex, keinen Drogenkonsum und keine homosexuellen Praktiken gebe. Es gibt aber immer Minderheiten, die sich über gemeinschaftliche Regeln hinwegsetzen. Wir können den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun sollen, aber Empfehlungen aussprechen.

Es wurde Anklage gegen den Vater des beschnittenen Kindes erhoben. Was halten Sie davon?

Ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist. Wir respektieren das Recht auf Traditionsausübung des Rabbiner Yehuda Teichtal, bezweifeln aber, dass es klug ist, dies als öffentlicher Gemeinderabbiner zu tun. Die große Mehrheit der Gemeindemitglieder führt einen modernen sexuellen Lebenswandel. Deshalb sollten unsere Richtlinien eingehalten werden.

Reicht die deutsche Gesetzeslage für solche Unterscheidungen aus?

Nein, aber das muss sie auch nicht. Es sollte Angelegenheit der Mohalim in Deutschland sein. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland oder das Rabbinerseminar zu Berlin sollten den Beschneidern klare Anweisungen geben. In New York wird von der Stadt für die Metzitza eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern verlangt, in Israel muss der Beschneider die Eltern fragen, welche Form sie wünschen.

Fürchten Sie, dass die Beschneidungsdebatte noch mal von vorne startet?

Das denke ich nicht. Es ist ein Einzelfall, der kurzfristig Aufmerksamkeit erregt. Das Ritual wird in Deutschland kaum angewandt. Es wird Leute geben, die versuchen werden, die Debatte neu zu entfachen. Das sind wahrscheinlich dieselben, die gegen Beschneidungen im Allgemeinen sind.

Kanzlerin Angela Merkel erhält von der Europäischen Rabbinerkonferenz am 22. Mai den Lord Jakobovits Preis des Europäischen Judentums.

Es ist ein historischer Moment. Zum ersten Mal wird ein deutscher Regierungschef nach dem zweiten Weltkrieg ausgezeichnet. 2012, als das Gericht in Köln religiöse Beschneidung zur strafbaren, rechtswidrigen Körperverletzung erklärte, hat Kanzlerin Merkel erkannt, dass ein Verbot religiöser Beschneidung das Ende jüdischer Gemeinschaften in Deutschland bedeuten würde. Gemeinsam mit den anderen Parteien hat sie eine Lösung gefunden, um die freie Religionsausübung der jüdischen und muslimischen Gemeinschaften in Deutschland zu schützen.
Das Interview führte Laura Wagner.



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