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Beschneidung Ärzte sehen in Tradition keine Rechtfertigung

Kinderschützer fordern einen Runden Tisch zu Beschneidung – und lassen doch viele entscheidende Fragen offen.

Utensilien zur Beschneidung. Foto: dpa

Kinderschützer fordern einen Runden Tisch zu Beschneidung – und lassen doch viele entscheidende Fragen offen.

Ärzte und Kinderschützer warnten zwar am Mittwoch wieder vor den Folgen der Beschneidungen. Aber drei entscheidende Fragen blieben unbeantwortet nach der Pressekonferenz in Berlin, auf der verschiedener Organisationen wie die Deutsche Kinderhilfe, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und der Bund Deutscher Kriminalbeamter sich dem Thema aus der Perspektive des Kinderschutzes widmen wollten.

Erstens: Wie konnte die „Tradition“ der Beschneidung in der jüdischen wie in der muslimischen Religionsgemeinschaft überdauern, obgleich sie zu „irreparablen körperlichen Schäden“ und „schwersten Traumatisierungen“ führt? Warum nahm zweitens die deutsche Öffentlichkeit davon bislang hartnäckig keine Notiz?

Und warum bedurfte es drittens eines Urteils des Kölner Landgerichts, um den Berufsverband der deutschen Kinder- und Jugendärzte e.V. gegen dieses angeblich barbarische Treiben auf den Plan zu rufen? Denn an einem ließen die anwesenden Kinderschützer keinen Zweifel: Sie halten die Praxis der Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Jungen für „eine Form der Körperverletzung“, deren Folgen „bagatellisiert und kleingeredet“ würden. Tradition allein aber könne keine Rechtfertigung für den Eingriff in schützenswerte Rechtsgüter sein, heißt es in ihrer gemeinsamen Erklärung.

Schnellschuss verhindern

Mit einer Petition beim Deutschen Bundestag versucht die Gruppe deshalb nun, „einen gesetzgeberischen Schnellschuss“ zu verhindern. Sie fordert ein Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches, um „in eine Diskussion mit den Religionsgemeinschaften über die Praxis der Beschneidung einzutreten“, wie es die Vorsitzende von Terre des femmes, Irmingard Schewe-Geringk (Grüne) formulierte.

Worüber Ulrich Fegeler, Kinderarzt und Pressesprecher seines Berufsverbandes, Matthias Franz, Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin in Düsseldorf, Irmingard Schewe-Gerigk und Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. mit den Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinschaft diskutieren wollen, klang bereits an: über ein „steinzeitliches Ritual“, das nur durch mangelnde Aufklärung und klerikalen Zwang die Jahrhunderte überdauert habe (Matthias Franz), über eine „Körperverletzung, die im krassen Gegensatz zu unseren ärztlichen Grundsätzen steht“ (Ulrich Fegeler) oder über eine überhaupt „schädliche Praxis“, so Irmingard Schewe-Gerigk. Sie schilderte zudem den Eindruck, den eine gefilmte Beschneidung bei ihr hinterlassen hat: „Wenn Sie so einen Film sehen, da wird es Ihnen aber übel.“

Eine Impression, die der israelische Beschneidungsgegner Eran Sadeh noch unterstrich. Er unterstütze die Petition, erklärte Sadeh, und forderte seine Mitstreiter auf, sich über den Vorwurf des Antisemitismus hinwegzusetzen. Ein Verbot der Beschneidung habe nichts mit Antisemitismus zu tun, dafür aber mit dem Respekt für die Menschenrechte von Kindern.

Auch die übrigen Anwesenden verwahrten sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Sie verstünden sich lediglich als Anwälte der Kinder. Dass man die jüdischen und muslimische Gemeinschaft von der Notwendigkeit eines Beschneidungsverbots überzeugen werde, davon ist Irmingard Schewe-Gerigk überzeugt: „Auch die Witwenverbrennung ist schließlich überwunden worden.“

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