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Bern stellt sich dem vergifteten Erbe

Das Schweizer Kunstmuseum Bern zeigt Werke aus der Sammlung Gurlitt, die in der NS-Zeit als „entartet“ verfemt waren. Jedes Bildnis ist verwoben mit der Geschichte vor 1933.

Gurlitt-Ausstellung in Bern
Spiegelungen: Das Kunstmuseum Bern zeigt von den Nazis denunzierte Werke. Foto: dpa

Die marmorweißen Musen überm olivgrünen Sandsteinportal des Berner Kunstmuseums, 1879 eröffneter ältester Kunsttempel der Schweiz, blicken entrückt und ungerührt herab. Was sollten sie auch halten von dem Trubel unten – um die „Bestandsaufnahme Gurlitt“, nunmehr von der Öffentlichkeit – und zwar weltweit – ins Visier genommen. Das geschieht hier, im Zentrum der Schweizerischen Kapitale, Stunden später ebenso in der Bundeskunsthalle Bonn – in der einstigen Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Die beiden eng kooperierenden Instanzen tragen und loten – betont wissenschaftlich – ein schier endloses Thema aus Kunst, Geschichte und Verwicklungen mit dem Nationalsozialismus aus. Bern widmet sich dem Kapitel „Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft“. Vor allem sind es Werke des – deutschen – Expressionismus, bei denen die Forschungen der bis Januar 2016 tätigen Taskforce wie der Berner Provenienzwerkstatt ergeben haben dass, bislang, kein Raubkunstverdacht besteht. Und Bonn hat den wohl heikleren Part, zeigt „Der NS-Kunstraub und die Folgen“. Es sind Bilder und einige Plastiken, die dringend unter dem Verdacht standen, NS-Raubkunst aus jüdischen Sammlungen oder Museen zu sein.

In Hunderten Fällen steht die Bewertung aus; in sechs Fällen aber hat sich das bislang tatsächlich bestätigt, die Bilder wurden restituiert. Das dem Zentrum für Kulturverluste angesiedelte „Projekt Provenienzrecherche Gurlitt“ war erst vergangene Woche fündig geworden. Es handelt sich um ein Bild des Franzosen Thomas Couture, das gehörte einst dem 1944 von der Gestapo ermordeten französischen Politiker und Juden Georges Mandel. Hildebrand Gurlitt hatte es wahrscheinlich bei seinen belegten Pariser „Handelszügen“ an sich gebracht.

Der Kunstkrimi begann vor gut fünf Jahren. Die Causa Gurlitt wurde erst später, 2013, durch die Presse spektakulär bekannt als „Schwabinger Kunstfund“. Wie erinnern uns: Niemand hatte mit Derartigem gerechnet. Die Bilder-Sammlung des völlig zurückgezogen, scheu und ängstlich wie ein Erdhörnchen in München-Schwabingen lebenden, vom Vater befohlenen „Hüter der Bilder“, Cornelius Gurlitt, kannte kein Mensch. Gurlitt war der Sohn eines der Kunsthändler von Hitler und Goebbels. Auch im Kunstmuseum Bern kannte man ihn nicht. Er war als Kind oft in der Stadt gewesen, bei einem Onkel und hatte da wohl gute Erinnerungen.

Der in Münchener wie später auch im unbewohnten Salzburger Gurlitt-Haus entdeckte Bilderberg – gut 1500 an der Zahl – hat als überraschende „Erbschaft“ das Museum erheblichen Herausforderungen ausgesetzt. So subtil jedenfalls umschreiben es die Beschenkten, die teilweise an die Grenze des Leist- und Zumutbaren gerieten. Andererseits hat sich das Kunstmuseum Bern durch die Annahme der Erbschaft des im Jahr 2014 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Münchner Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt auch gänzlich neu positioniert. In der Schweiz nämlich hatte zunächst kaum jemand mit dieser Annahme gerechnet. Für Schweizer Verhältnisse ist es schließlich ungewöhnlich, sich in ein solches „Abenteuer“ zu begeben.

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