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Berliner Flughafen „Wir brauchen keine 30 Flughäfen“

Der BUND-Experte Werner Reh spricht im Interview mit der FR über das Megaprojekt Berliner Flughafen. Dem Senat wirft er Ignoranz und Arroganz vor.

Hauptstadtflughafen BER
Ist weiter eine Baustelle: Der neue Flughafen von Berlin. Foto: Sebastian Hennings

Herr Reh, der Münchner Flughafen wächst und wächst, die dritte Startbahn ist bereits in Planung. In Berlin hingegen gibt es für den BER noch immer kein Eröffnungsdatum. Was macht Bayern richtig und Berlin falsch?
Die Flughäfen haben unterschiedliche Qualitäten: Der Münchner Flughafen ist zum einen zu einem Drehkreuz für Europa geworden und hat mit der Lufthansa einen Netzwerk-Carrier vor Ort – also eine Fluggesellschaft, die ein dichtes Streckennetz bedient, Miteigentümer ist und deshalb ein hohes Interesse an der Weiterentwicklung des Flughafens hat. Zum anderen ist der Flughafen in München weit außerhalb der Stadt gelegen und hat deshalb nur wenige Restriktionen, was den Flugverkehr angeht. Berlin ist da völlig anders: Dort sind vorwiegend Billigfluglinien, sogenannte Low-Cost-Carrier, vertreten und das eigentlich gute Konzept mit einem einzigen Flughafen wird viel zu spät und praktisch innerstädtisch umgesetzt. Das ist das Problem.

Der künftige BER soll jetzt schon zu klein für das erwartete Passagieraufkommen sein. Wie wird sich der Bedarf an Flughäfen generell entwickeln?
Ich finde diese Art von Prognosen falsch, weil sie voraussetzen, dass sich politisch nichts ändert. Wenn Berlin wollte, könnte man etwa 50 000 Flüge auf die Schiene verlagern. Das wäre ökologisch sehr sinnvoll und hätte auch für die Passagiere keine Nachteile – von Berlin aus könnten diese Flugziele mit Schnellzügen innerhalb von vier Stunden erreicht werden. Denkbar wäre auch eine Kooperation mit dem Flughafen Halle/Leipzig statt eines Ausbaus. Wenn die Politik aber nichts tut, kann es passieren, dass der Flughafen, was die Passagiere angeht, aus allen Nähten platzt. Ein verträgliches Wachstum ist das aber nicht. Und mit einem solchen Flugverkehrswachstum lassen sich auch die Berliner Klimaziele nicht erreichen. Die Politik muss deshalb endlich Maßnahmen ergreifen und nicht den Entwicklungen hinterherlaufen.

Die Flughäfen in den Großstädten werden immer voller, Regionalflughäfen hingegen sind nicht ausgelastet. Wie kommt es zu dieser Kluft?
Die Effizienz hat an den Metropolflughäfen zugenommen, weil die einzelnen Flugzeuge besser ausgelastet sind. Deshalb verzeichnen etwa die beiden größten Flughäfen Frankfurt und München steigende Passagierzahlen, obwohl die Flugbewegungen abnehmen. Das ist eine gute Entwicklung. Bei den Regionalflughäfen ist es in der Tat so, dass sie stark rückläufige Fluggastzahlen und Flugbewegungen haben. Die meisten können daher nur überleben, wenn sie immer weiter subventioniert werden.

Wie sieht die Subventionierung genau aus?
Die real anfallenden Kosten für Fluggastgebühren liegen pro Passagier bei etwa 15 Euro. In Berlin werden jedoch nur rund sieben Euro verlangt. Die Regionalflughäfen stehen unter Konkurrenzdruck und verlangen fast alle zu niedrige Gebühren. Das ist eine EU-rechtlich verbotene Beihilfe, die auf null zurückgeführt werden muss. Berlin hat gerade auch ein Beihilfeverfahren laufen. Eigentlich müssten heute schon die Fluggastgebühren verdoppelt werden, um kostendeckend zu sein. Aber das Subventionsproblem am BER ist aufgrund der versenkten Steuergelder gigantisch.

Wäre es eine Idee, mehr Regionalflughäfen stillzulegen?
Was die Politik tun kann und muss, ist die Subventionen abzubauen. Wenn das Beihilfeverbot dann im Jahr 2024 greifen wird, werden voraussichtlich Regionalflughäfen geschlossen werden, weil sie nicht wirtschaftlich zu betreiben sind. Was wir noch brauchen, ist ein bundesweites Flughafensystem für Deutschland. Der Zugang zu Interkontinentalflügen, eine gute Konnektivität ist auch ökonomisch wichtig, ebenso die gute Einbindung in den Bahnverkehr der großen Flughäfen. Wir brauchen nicht fast 30 Flughäfen, wenn acht Flughäfen 90 Prozent des Flugverkehrs in Deutschland abwickeln.

Woran liegt es, dass Großprojekte in öffentlicher Hand wie der BER immer teurer und später fertig werden als geplant?
Der BER in Berlin ist schon ein Sonderfall. Dort wurden seitens der Politik und des Managements klare Fehler gemacht, auch aufgrund politischer Arroganz und Ignoranz. Es lag ja ein Angebot des Baukonzerns Hochtief vor, den Flughafen schlüsselfertig für 1,1 Milliarden Euro zu bauen. Das war dem Senat jedoch zu teuer und man war der Ansicht, dass man es günstiger bekommen kann. Das ist so aber nicht eingetreten. Der grundsätzliche Fehler war, dass man sich als Bauherr aufspielen wollte und zur Koordinierung des Projekts keine Profis eingestellt und dann auch noch ständig die Pläne geändert hat.

Interview: Benjamin Quiring

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