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Berat Albayrak Erdogans Kronprinz

Als Finanzminister der Türkei müsste Berat Albayrak sein Land jetzt vor dem wirtschaftlichen Kollaps bewahren – aber er dient vor allem seinem Schwiegervater.

Berat Albayrak
Zielstrebig, arrogant, gerissen: Frühere Weggefährten bescheinigen Berat Albayrak einen enormen Machtinstinkt. Foto: afp

„Erdogan vertraut ihm hundertprozentig“

Außerdem hat er als Unternehmer wirtschaftliche Erfahrung gesammelt – und hat als Wirtschaftslenker anders als sein marktfreundlicher Vorgänger Mehmet Simsek das Ohr des Präsidenten. „Erdogan vertraut ihm hundertprozentig“, sagt der frühere Bloomberg-Analyst und Türkei-Experte Mark Bentley. „Das heißt, was immer Albayrak von seinen internationalen Erfahrungen berichtet, nimmt Erdogan ernst.“

Doch schon im Herbst 2016 geriet der Senkrechtstarter in einen Hacker-Skandal, der seine volle Wirkung wohl nur deshalb nicht entfaltete, weil nach dem Putschversuch vom Juli des Jahres Massenentlassungen und -inhaftierungen die Nation in Atem hielten. Die linke Redhack-Gruppe hatte fast 58.000 E-Mails von Albayrak aus den Jahren 2000 bis 2016 entwendet und unter anderem auf der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht. Die türkische Regierung ließ die entsprechenden Internet-Seiten sofort sperren.

Verbindungen zur Terrormiliz IS?

Einige Dokumente enthalten explosive Informationen über Albayraks angebliche finanzielle Verbindungen mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Im Zentrum der Geschäfte stand die Firma Powertrans, die als einziges türkisches Unternehmen eine Einfuhrlizenz für Erdöl besaß. Über die autonome Region Kurdistan im Nordirak importierte sie Erdöl des IS in die Türkei. Den E-Mails zufolge erscheint Albayrak als der Schattenchef von Powertrans, denn er entschied offenbar über wichtige Geschäftsvorgänge. Albayrak dementiert dies, doch die Echtheit der elektronischen Korrespondenz hat er nie bestritten.

Präsident Erdogan präsentiert seine Familie gern als Vorbild für gelebten Islam und konservative Werte. Die Korrespondenz seines Schwiegersohns zeichnet ein anderes Bild. Viel Spott riefen zum Beispiel Online-Bestellungen hervor, mit denen Albayrak 2012 Sexspielzeug orderte. Andere E-Mails zeigen, dass er ohne seine Frau Esra mit Freunden nach Miami flog. „Wir glauben zwar natürlich nicht, dass ihr was Böses tut, aber warum fahrt ihr ohne eure Frauen wohin, um zu entspannen, wo es so warm ist, dass viele fast nackt sind?“, beklagte sie sich. „Kommt dir das alles islamisch oder moralisch vor?“. Seine Antwort: „Wenn du unglücklich bist, geh doch zurück ins Haus deines Vaters!“. 

Geld in Steueroasen verschoben 

Auf Kritik reagiert Albayrak ebenso empfindlich wie Erdogan. Nach der Ernennung zum Finanzminister verklagte er die Journalistin Pelin Ünker von der oppositionellen Zeitung Cumhuriyet auf rund 90.000 Euro Schmerzensgeld. Sie hatte ihm in Tweets vorgeworfen, Geld in Steueroasen verschoben zu haben und berief sich dabei auf die veröffentlichten „Paradise Papers“ und „Malta Files“ aus Offshore-Steuer-Paradiesen.

Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Albayrak 2011 als Chef des Calik-Konzerns rund 35 Millionen Euro aus Dubai zurück in die Türkei bringen wollte, ohne sie zu versteuern. Damals konnte er das Vorhaben nicht umsetzen. Doch im Windschatten des Putschversuchs 2016 legalisierte er als Energieminister den steuerfreien Rückfluss der Auslandsgelder einfach mit einem „Vermögensfrieden“-Gesetz. Nachdem Cumhuriyet diese Zusammenhänge enthüllt hatte, verklagte er die Zeitung.

Verbindung von Politik und Business

Die Unterlagen zeigen in beispielloser Klarheit, wie gut sich Berat Albayrak auf jene Verbindung von Politik und Business versteht, die den Erdogan-Clan generell auszeichnet. In der „neuen Türkei“ des Präsidenten würde ein anderes Detail normalerweise die politische Karriere beenden: Albayrak war Schüler eines von 30 sogenannten Fatih-Kollegien des Islampredigers Fethullah Gülen. Mit dem Sektenführer war Erdogan früher verbündet, macht ihn aber inzwischen für den Putschversuch verantwortlich. Während zehntausende Menschen wegen angeblicher Gülen-Verbindungen aus dem Staatsdienst entlassen oder inhaftiert wurden, blieben AKP-Politiker, von denen viele enge Kontakte zur „Bewegung“ unterhielten, weitgehend verschont. Auch Berat Albayrak.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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