Lade Inhalte...

Bangladesch Mit Schlägertrupps gegen die Studenten

Bangladeschs Regierung versucht die Proteste von Schülern und Studenten mit Gewalt zu unterdrücken. Unterstützung erhält sie dabei ausgerechnet von Gewerkschaftern.

Dhaka
Auslöser für die Unruhen ist der Tod zweier Schüler, die von einem Bus überrollt wurden. Foto: rtr

Das prominenteste Opfer einer brutalen Welle der Unterdrückung durch Bangladeschs Regierung konnte am Mittwochmorgen nicht einmal aus eigener Kraft ins Krankenhaus gehen. Shahidul Amal, der die weltbekannte Fotogalerie Drik in Dhaka gegründet hat und der bekannteste Pressefotograf des südasiatischen Landes ist, musste von Polizisten gestützt werden. Die lieferten den 63-jährigen Mann auf Anordnung des Obersten Gerichts in einem Universitätshospital ab. 20 Zivilpolizisten hätten Amal am Sonntagabend verschleppt, teilte seine Familie mit: „Sie haben ihn schwer verprügelt.“ Mit einem von Schlägen verquollenen Gesicht war Amal am Montag einem Gericht vorgeführt worden. Der Vorwurf: Er habe in einem Fernsehinterview und auf Facebook die Regierung in Dhaka verunglimpft.

Die Regierung von Scheich Hasina Wajed reagiert seit zehn Tagen mit einer Brutalität auf die anhaltenden Demonstrationen, als stünde ihr politisches Überleben auf dem Spiel. Dabei hatten sich die Proteste an einem vermeintlich unpolitischen, vor allem aber tragischen Zwischenfall entzündet: Zwei Schulkinder waren am 29. Juli von einem Nahverkehrsbus überrollt worden, dessen Fahrer rücksichtslos durch den dichten Verkehr der 18 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt von Bangladesch pflügte.

Tragödien dieser Art gehören in Bangladesch zum Alltag. Behörden behaupten, jährlich kämen etwa 4200 Fußgänger ums Leben. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sprechen dagegen von 17 000 bis 25 000 Verkehrstoten pro Jahr.

Bei Studierenden und Schülern in Dhaka löste der Tod der zwei Kameraden massive spontane Protesten aus. Die Wut richtete sich auch gegen Verkehrsteilnehmer: An einem Tag wurden von bis zu 10 000 Demonstranten rund 100 Fahrzeuge demoliert. Die jugendlichen Protestierer legten Dhaka tagelang lahm und schnitten die Hauptstadt förmlich von den Provinzen ab.

Mächtige Gewerkschafter

Scheich Hasina, die ihre letzten Wahlen mit indischer Hilfe und dank massiven Wahlbetrugs gewann, interpretierte die Demonstrationen als Herausforderung. Bis vor zehn Jahren war die Lahmlegung des öffentlichen Nahverkehrs in der 170 Millionen Einwohner zählenden südasiatischen Nation ein beliebtes Mittel von Politikern im Kampf gegen die jeweilige Regierung. Inzwischen sind die Gewerkschaften der Transportarbeiter eine wesentliche Stütze der Machthaber.

„Das neue Gesetz, das für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen soll und mit dem Hasina auf die Protestwelle reagierte, wird deshalb wenig ändern“, urteilte ein Universitätsprofessor. Der Mann will aus Furcht vor Repressalien seinen Namen nicht nennen. Erst am Dienstag wurde einer seiner Studenten von einer Gummikugel der Polizei im Auge getroffen. Die knüppelbewehrten Schläger, die aus den Reihen der Transportgewerkschaften gegen Demonstranten eingesetzt wurden, bedrohten auch die Universitäten.

Die Kulna-Universität schloss gar auf Druck des Geheimdienstes ihr Haupttor, damit Studenten das Gelände nicht zu Protesten verlassen konnten. 20 Bangladescher, die während der vergangenen Tage über die Ereignisse berichteten, fanden plötzlich ihr Konterfei in den sozialen Netzwerken wieder – unter dem Titel „Feinde von Bangladesch“.

„Die Regierung von Scheich Hasina versucht, Kritiker und Demonstranten einzuschüchtern“, sagt Universitätsdozent Mubashar Hasan, „und es sieht so aus, als ob dies gelingen würde.“ 22 Studenten, die am Mittwoch einem Gericht vorgeführt wurden, stand jedenfalls die Furcht ins Gesicht geschrieben. Sie wurden an Handschellen, die an einem langen Seil festgebunden waren, aus der Zelle gebracht.

„Bei den Protesten geht es um mehr als nur um Verkehrstote“, hatte Bangladeschs prominenter Fotograf Shahidul Amal vor seiner Verhaftung am Sonntag erklärt, „es geht um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch die Regierung, es geht um den Einsatz von halbkriminellen Schlägern gegen Studenten.“ Dagegen lautet die Version der Regierung, es handele sich bei den Unruhen um eine Verschwörung der Opposition, der US-Regierung, der Europäischen Union und von lokalen Bürgerinitiativen gegen Bangladeschs Demokratie.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen