Lade Inhalte...

Aydan Özoguz Auf der Suche nach der Leitkultur

Die scheidende Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz besucht das Eichsfeld. Es geht um Haltung, klare Grenzen und den Umgang mit der AfD. Protest gibt es nur am Rande.

Aydan Özoguz besucht Eichsfeld
Aydan Özoguz im Gespräch mit dem Besucher einer katholischen Sozialeinrichtung in Heiligenstadt. SPD-Mann Steffen-Claudio Lemme hört zu. Foto: dpa

Das Mainzer Haus leuchtet heimelig in der Dunkelheit. Aus den Fenstern strahlt Licht in den Herbstabend, drinnen trägt Burkhard Wegener, ein Liedermacher aus Essen, vor überwiegend älteren Damen vertonte Gedichte von Theodor Storm vor. Es ist, wenn man so will, ein sehr deutscher Abend in Heiligenstadt. Das Literaturmuseum in dem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus am Rande der Altstadt ist Storm gewidmet, der von 1856 an einige Jahre Richter in Heiligenstadt war. Gelebt hat der Dichter allerdings nie in diesem Haus, die Ausstellung möchte vielmehr zeigen, wie es hätte sein können. Es geht um das Verhältnis, das der Norddeutsche zum Eichsfeld hatte, dieser Region in Mitteldeutschland, die damals zu Preußen gehörte. Es geht um Heimat und Fremde, ein sehr deutsches Thema also, das das Land heute wieder stark beschäftigt. 

Um deutsche (Leit-)Kultur, um Heimat wird sich auch am nächsten Tag vieles drehen. Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung in Berlin, kommt in die Kleinstadt ganz im Westen Thüringens. Die meisten Heiligenstädter wissen das gar nicht, sie haben höchstens eine kleine Notiz in der Lokalpresse lesen können. In der Innenstadt herrscht samstägliches Treiben, die Menschen gehen einkaufen, Kurgäste kommen auf einen Kaffee in das schmuck renovierte Zentrum mit seinen Fachwerkhäusern und Barockbauten. Dabei hatte der Besuch der SPD-Politikerin ein sehr hässliches Präludium, das auch international für Aufmerksamkeit sorgte.

Im August hatte der damalige Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“, Alexander Gauland, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Leinefelde, ein paar Kilometer von Heiligenstadt entfernt, von deutscher Kultur schwadroniert. Auch Björn Höcke war dabei, der Landes- und Fraktionschef der AfD in Thüringen. Der Wortführer des rechten völkischen Flügels lebt mit seiner Familie nicht weit von Heiligenstadt. In dem Dorf Bornhagen hat sich der Lehrer aus Westdeutschland ein altes Pfarrhaus gekauft. Gauland, der Höcke trotz des gegen ihn laufenden Parteiausschlussverfahrens nach seiner Dresdener Rede stets unterstützt, hat Özoguz damals übel angegriffen. „Ladet sie mal hier ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist“, sagte der frühere langjährige CDU-Politiker. „Danach kommt sie nie wieder hierher und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ 

Der Satz führte zu heftigen Protesten, gegen Gauland wurden mehr als ein Dutzend Strafanzeigen wegen Volksverhetzung gestellt. Er war eine Replik auf einen Debattenbeitrag von Özoguz im Berliner „Tagesspiegel“. Dort hatte die Tochter von türkischen Einwanderern aus Hamburg geschrieben, eine spezifisch deutsche Kultur sei jenseits der Sprache schlicht nicht identifizierbar. „Schon historisch gesehen haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt.“ Sie löste damit eine heftige Debatte aus, nicht nur in der AfD. Das Eichsfeld gilt vielen seit Gaulands Ausfall als vergessener brauner Landstrich. Auch gegen dieses Bild wollen sie sich heute wehren in Heiligenstadt. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen