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Autonomes Fahren Zweifel am „Schutzranzen“

Eine App könnte Kinder im Verkehr der Zukunft schützen – sagen zumindest die Entwickler, die die Technik in Ludwigsburg schon testen.

Schulkinder
Mit einer App könnten Kinder vor Verkehrsunfällen geschützt werden. Foto: imago

Befürworter des Projekts verheißen größtmögliche Sicherheit für Grundschulkinder im Alltag. Eine Smartphone-App im Schulranzen soll dafür sorgen, dass Autofahrer über GPS-Signale vor dem nahenden Kind gewarnt werden. Außerdem können Eltern jederzeit feststellen, wo sich ihre Sprösslinge aufhalten. Die Kinder wiederum haben die Möglichkeit, Eltern und andere Vertraute per Notfalltaste zu alarmieren. Dabei werden zugleich die Positionsdaten übermittelt. Im schwäbischen Ludwigsburg laufen seit über einem Jahr Vorbereitungen für das „Schutzranzen“ genannte Projekt. Dahinter stehen die Stadt Ludwigsburg, das federführende Start-up Coodriver, der Automobilclub von Deutschland (AVD) sowie der Sportausrüster Uvex aus Fürth.

Aus Sicht der Kritiker dient das Vorhaben vor allem einem Zweck: dem Erfassen und Vermarkten von Daten. „Akute Probleme wie Gefahren im Straßenverkehr werden nicht grundsätzlich gelöst, sondern nur ausgenutzt, um Daten zu sammeln, auszuwerten und zu Geld zu machen“, glaubt Friedemann Ebelt vom Datenschutzverein Digitalcourage. Die GPS-gestützte Überwachung von Grundschulkindern ist nach Ansicht des Vereins nicht einmal geeignet, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Vielmehr könne ein falsches Sicherheitsgefühl zu nachlassender Aufmerksamkeit der Autofahrer führen. Wirkungsvoller für mehr Sicherheit seien verkehrsberuhigte Bereiche, beleuchtete Gehwege und mehr Schülerlotsen.

Hacker könnten Kinder orten

Den Vorwurf, es gehe letztlich vor allem um das Geschäft mit Daten, stützt Digitalcourage auf eigene Recherchen. So sende die Kinder-App Daten an Amazon-Server in den USA, ohne dass darauf in den Datenschutzbestimmungen von „Schutzranzen“ aufmerksam gemacht werde, heißt es in einer Stellungnahme des Vereins. Auch habe man nachweisen können, dass Kinder-App-Daten teils auch an Google, Microsoft, Akamai und 1&1 übertragen würden. Weiteres Problem seien mangelhafte Sicherungsvorkehrungen: Hacker könnten die aktuellen Aufenthaltsorte aller Kinder in Erfahrung bringen. „Kinderüberwachung als Voraussetzung für mehr Verkehrssicherheit und autonomes Fahren ist der völlig falsche Weg“, bilanziert Ebelt.

Das sehen die Schutzranzen-Unterstützer naturgemäß anders. Auf der Internetseite Schutzranzen.com, die von Coodriver betrieben wird, verspricht man „höchste Datensicherheit“. Weder würden personenbezogene Kinderdaten gespeichert, noch Nutzerprofile erstellt. Vielmehr blieben die Positionsdaten der Kinder stets anonym, seien nicht zurückverfolgbar und würden binnen eines Tages endgültig gelöscht. Einzige Ausnahme: Die Eltern erhielten verschlüsselt Zugang zu den Daten ihres Nachwuchses. Zudem erführen Autofahrer nie den exakten Standort eines Kindes, sondern lediglich, ob sich Kinder in der Nähe aufhielten.

Wie steht es dann aber um die Alltagstauglichkeit der Technologie? In dicht besiedelten Wohngegenden und Innenstädten befindet sich oft mehr als nur ein Kind im näheren Umkreis. Die Warnungen würden zum Daueralarm, der – eher als störend empfunden - die Sicherheit der Kinder kaum erhöhen würde. Mittlerweile bezweifeln auch ursprüngliche Unterstützer des Projekts dessen Sinn. Im vergangenen August beendete der Schulartikelhersteller Scout sein Engagement, später folgten VW, das Land Niedersachsen sowie Wolfsburg, wo man ursprünglich ebenfalls den Schutzranzen hatte einführen wollen.

Bleibt Ludwigsburg. Dort hat der Leiter des Referats für nachhaltige Stadtentwicklung, Hans Handtrack, einem Bericht der „Ludwigsburger Kreiszeitung“ zufolge dieser Tage versichert, der Datenschutz stehe an erster Stelle: „Es werden mit dieser App keine Daten gespeichert, weitergegeben, verkauft oder was auch immer.“

In der Autobranche ist Handtrack kein unbeschriebenes Blatt. Er war jahrelang in leitender Funktion für große Autohersteller tätig und vertrat in den 1990er Jahren die Interessen der europäischen Automobilindustrie gegenüber der EU-Kommission, dem Europäischen Parlament sowie weltweit gegenüber nationalen Regierungen.

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