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Autonomes Fahren „Die Schuldfrage ist nicht geklärt“

Für Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel muss die Justiz erst noch entscheiden, wer schuld ist bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen. Diese ließen sich durch den Einsatz der Technik aber nicht gänzlich vermeiden, sagt er im Interview mit der FR.

Verkehr auf der Autobahn
Auf Autobahnen können Assistenzsysteme viele kritische Situationen vermeiden. Foto: rtr

Herr Bratzel, mit dem autonomen Fahren verbindet sich der Traum vom unfallfreien Fahren. Ist der nun ausgeträumt?
Die Vision des autonomen Fahrens bleibt ein großes gesellschaftliches Thema. Vielleicht ist es aber besser, anstelle vom unfallfreien lieber vom unfallreduzierten Fahren zu sprechen. Autonome Fahrzeuge werden in Zukunft nicht alle Unfälle vermeiden. Aber: 90 Prozent der Unfälle kommen durch menschliches Versagen zustande. Und die Zahl dieser Unfälle lässt sich deutlich verringern.

Wo liegen die Grenzen?
Es gibt Unfallsituationen, die lassen sich nicht verhindern. So war es offensichtlich auch bei dem Unfall mit dem Uber-Auto in Arizona. Ein Problem des autonomen Fahrens wird bei dem tragischen Unfall deutlich: die Mischung von Verkehren. Wenn es nur autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr gäbe, dann könnten diese miteinander kommunizieren und Unfälle vermeiden. Die Mischung mit manuellen Fahrzeugen, mit Radfahrern und Fußgängern ist eine der komplexesten Situationen für autonome Fahrzeuge.

Würden heute schon autonome Fahrzeuge in Städten in großem Stil eingesetzt, müssten sie dann in Schrittgeschwindigkeit unterwegs sein?
Das zweite Problem ist in der Tat die Geschwindigkeit. Dies wird umso relevanter, je komplexer die Verkehrssituation ist. Auf Autobahnen aber ist die Situation erheblich weniger komplex. Deshalb können sie schon heute mit Assistenzsystemen viele kritische Situationen vermeiden. Nehmen Sie den aktiven Spurhalteassistenten, den Notbremsassistenten oder den Abstandstempomat.

Die Technik wird sich weiterentwickeln. Wann können Autos so selbstständig fahren, dass sie kein Lenkrad und keine manuellen Bremsen mehr brauchen?
Das kann man nur über Szenarien beschreiben. Wir werden noch viele Jahre parallel manuelle und autonome Autos haben. Eine breite Durchsetzung autonomer Fahrzeuge werden wir erst Ende der 2020er Jahre sehen. Nach 2030 können vollautonome Autos ohne Lenkrad auf allen Straßen, bei allen Wetterbedingungen, zu jeder Tageszeit und auch in ländlichen Gebieten fahren – das ist das positivste Szenario. Es wird viele Zwischenschritte geben, etwa mit Fahrzeugen, die in Städten auf speziellen Fahrspuren unterwegs sind, um eine Trennung der Verkehre zu erreichen.

Aber wird durch den tödlichen Unfall in Arizona nicht das Vertrauen der Menschen in Roboterautos massiv erschüttert?
Nach meiner Einschätzung wird dieser Unfall nicht zu einem schweren Rückschlag führen, weil wohl auch ein ganz normaler Fahrer den Unfall nicht hätte vermeiden können. Das Grundproblem aber bleibt: Der Kontrollverlust der Insassen ist kritisch. Leider werden wir vermutlich noch schwerere Unfälle sehen, wo das autonome System versagt und womöglich mehrere Menschen Opfer werden. Das kann die Entwicklung im schlimmsten Fall für Jahre stoppen. Autonome Systeme werden vielleicht zu 98 Prozent fehlerfrei funktionieren, aber die zwei Prozent muss man auch beachten. Wir müssen diese Systeme weiter trainieren, Daten sammeln und schwierige Fahrsituationen auswerten.

Was passiert, wenn ein System ausfällt?
Da ist die zweite wichtige Frage: Wenn ein Sensor ausfällt, muss ein anderer seine Aufgabe übernehmen. Wir brauchen redundante Systeme. Das macht die Technik teurer. Aber dafür brauchen wir noch rechtliche Regelungen.

Welche wichtigen rechtlichen Fragen sind noch nicht gelöst?
Es fehlt vor allem an Festlegungen, welche technischen Standards verbindlich sind. Wir haben mit dem neuen Audi A8 ein Auto, das auf der Autobahn in der Lage ist, autonom zu fahren. Der Fahrer muss zwar jederzeit die Kontrolle übernehmen können, aber es ist nicht mehr nötig, permanent den Verkehr im Auge zu haben. Dieses System darf hierzulande und auch in den USA aber noch nicht eingesetzt werden – auch weil die Schuldfrage bei einem Unfall noch nicht klar geklärt ist.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat das autonome Fahren für die Autobranche?
Die Assistenzsysteme spielen schon jetzt eine wichtige Rolle, sie werden sich allmählich über ganze Flotten verbreiten. Das wird sich deutlich steigern und damit ist ein riesiges Geschäft zu machen. Das autonome Fahren ist dabei nur ein Profitpool. Die Frage ist doch: Wer wird künftig die Flotten der Roboterautos verwalten? Wer bietet Mobilitätsplattformen wie Carsharing an? Hinzu kommen digitale Dienste für die Nutzer dieser Fahrzeuge aus dem Bereich Entertainment oder Wellness.

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