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Auszeichnung „Der Nobelpreis ist ein starkes Signal“

Die deutsche Ican-Sektion gehört zu den rührigsten in Europa - ihre Aktivisten feiern in Berlin.

Jubel bei Ican
Jubel bei Ican - hier in Genf Direktorin Fihn (M.) und Mitstreiter. Foto: afp

Sie hatten Sekt kalt gestellt, die Anti-Atomwaffen-Aktivisten in der ehemaligen Fabriketage in der Kreuzberger Körtestraße. Nur für den Fall der Fälle. Im Hinterzimmer der Büroetage im zweiten Hinterhof hatte noch bis in die Abendstunden des Donnerstags der Vorstand des deutschen Zweigs der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) getagt. Das halbe Dutzend Männer und Frauen diskutierte auch die Frage: Was ist, wenn Ican am Freitag den Friedensnobelpreis bekommt? Was bedeutet das für uns als deutschen Ableger?

„Die eine Hälfte des Vorstands war optimistisch, die andere sagte: ,Nun mach mal halblang‘“, sagt Jens-Peter Steffen. Er steht am Freitagmittag mit einem halbleeren Sektglas in der Fabriketage, vier Schreibtischinseln getrennt durch übermannshohe Aktenordnerschränke, hier eine Vase mit Stoff-Sonnenblumen, dort echte Grünpflanzen. An den Wänden viele Plakate. „Anleitung zum Widerstand“ steht auf einem. „Büchel ist überall. Atomwaffenfrei jetzt“, auf einem anderen. Im Eifel-Ort Büchel lagern die US-amerikanischen Atomwaffen.

Steffen ist Co-Geschäftsführer der Organisation der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW), sie hat ihren Sitz in eben jener Fabriketage. Die andere Geschäftsführerin ist die Britin Xanthe Hall. Die Abrüstungsexpertin gehört auch dem deutschen Ican-Vorstand an. Etwa 30, 40 Menschen engagieren sich im 2013 gegründeten, deutschen Ableger von Ican, alle ehrenamtlich, sagt IPPNW-Pressesprecherin Angelika Wilmen. Die kleine Organisation habe keine eigene Geschäftsstelle, arbeitet aber eng mit der IPPNW zusammen, weshalb deren Büro auch als deutsche Ican-Basis dient.

Am Freitag kurz vor elf Uhr also sitzen sie dort vor ihren Bildschirmen und starren auf den Livestream von der Nobelpreisverkündung in Oslo. „Als der Name Ican fiel, haben Xanthe und ich die Kopfhörer fallen lassen und sind uns in die Arme gefallen“, sagt die IPPNW-Sprecherin. „Wir tanzten hier noch rum, da klingelte schon das erste Mal das Telefon“, sagt Geschäftsführer Steffen. Das Telefon wird an diesem Tag nicht mehr stillstehen, es bleibt auch nicht bei einer Flasche Sekt.

Doch Xanthe Hall, das Vorstandsmitglied der deutschen Sektion, muss bald aufbrechen, muss los zur Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin-Mitte, die Ican seit Jahren unterstützt. Im Haus der den Grünen nahestehenden Stiftung gibt es in den Mittagsstunden eine Pressekonferenz. Da ist es gerade zwei Stunden her, dass das Nobel-Komitee seine Entscheidung kundtat.

Die Organisation werde für „ihre bahnbrechenden Bemühungen“ gewürdigt, ein Verbot nuklearer Waffen zu erreichen, hat die Komitee-Vorsitzende Berit Reiss-Anderson gesagt. Ican mache auf die „katastrophalen humanitären Folgen jeden Gebrauchs von Atomwaffen“ aufmerksam. Die nächsten Schritte zu einer atomwaffenfreien Welt müssten die Atommächte miteinbeziehen.

Ican, ein Zusammenschluss von rund 450 Mitgliedsorganisationen in aller Welt, kämpft seit 2007 gegen den Widerstand der Atommächte und vieler anderer Länder dafür, Atomwaffen per internationalem Vertrag zu verbieten. Das Bündnis mobilisiert Atomwaffengegner in aller Welt, bearbeitet Regierungen und schafft das kaum für möglich Gehaltene: Im Juli 2017 wird in New York der Internationale Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen unterzeichnet. Er verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen. Mehr als 50 Staaten haben bisher ihre Unterschrift hinterlegt. Die Atommächte wie die USA, Russland und China sowie Deutschland sind allerdings nicht dabei.

Seinen Hauptsitz hat das Bündnis in der Schweiz, keine 20 Quadratmeter misst das Ican-Büro im vierten Stock des Gebäudes des Weltkirchenrates, das sich vier Mitarbeiter teilen. Die Hauptarbeit passiere in den Mitgliedsorganisationen in mehr als 100 Ländern, sagt Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin der internationalen Ican-Kampagne. In Räumen also wie der Fabriketage in Berlin-Kreuzberg. Nicht dort, sondern in Brüssel verfolgt Leo Hoffmann-Axthelm am Freitag die Verkündung in Stockholm per Livestream. Der 28-Jährige hat 2013 mit seinem WG-Mitbewohner die deutsche Ican-Sektion gegründet, die nach seiner Aussage eine der aktivsten in Europa ist. „Wir sind überall präsent“, so Hoffmann-Axthelm, der dem deutschen Ican-Vorstand angehört. „In den viereinhalb Jahren unseres Bestehens hatten wir Treffen im Auswärtigen Amt, im Bundeskanzleramt und mit vielen deutschen Botschaftern auf internationaler Ebene.“ In der öffentlichen Wahrnehmung gehe es meistens nur um den Konflikt zwischen Nordkorea und den USA, „die generelle Ächtung der Atomwaffen wird da eher als etwas Langweiliges angesehen und verschwiegen“, sagt Leo Hoffmann-Axthelm.

Er hofft, „dass von dem Friedensnobelpreis eine Botschaft ausgeht, die auch von der Bundesregierung gehört wird: dass es Zeit ist, Atomwaffen generell zu ächten und den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zu unterzeichnen. „Wir müssen es schaffen, dass die in der Eifel stationierten US-Atomwaffen abtransportiert werden“. Hoffmann-Axthelm arbeitet seit zwei Jahren für die EU in Brüssel, deshalb ist er nicht dabei, als der deutsche Ican-Vorstand bei der Böll-Stiftung mit Jubel empfangen wird.

„Die Auszeichnung des internationalen Netzwerks mit dem Friedensnobelpreis ist ein starkes Signal und bekräftigt angesichts der jüngsten nuklearen Eskalationsdynamiken die Notwendigkeit politischer und diplomatischer Lösungen“, sagt Ellen Ueberschär, die Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung. Xanthe Hall vom deutschen Ican-Vorstand formuliert es so: „Für uns ist es unglaublich wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es moralisch-rechtlich nicht erlaubt ist, dass man droht, Massenmord zu begehen.“ (mit dpa, epd)

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Nobelpreis

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