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Auster gegen Erdogan Ein Schriftsteller als Staatsfeind

Paul Auster protestiert gegen die Verfolgung von Autoren in der Türkei. Damit zieht sich der Schriftsteller den Zorn des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu.

Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster. Eine seiner erfolgreichsten Veröffentlichungen ist "Stadt aus Glas".

Die liberalen Türken schämen sich fremd, aber der einfache Mann von der Straße klatscht Recep Tayyip Erdogan Beifall. Das ist genau die Konstellation, die der türkische Ministerpräsident liebt.

Eine Steilvorlage hat ihm der New Yorker Schriftsteller Paul Auster geliefert, und damit eine transatlantische Polemik vom Zaun gebrochen, die seit Tagen die türkischen Medien beherrscht. In einem Interview mit der Zeitung Hürriyet hatte Auster erklärt, er werde nicht in der Türkei auftreten, „weil dort so viele Journalisten und Schriftsteller im Gefängnis sind“. Mehr als Hundert Journalisten, Autoren und Publizisten wurden wegen oft haarsträubender Vorwürfe ins Gefängnis gesperrt. Nirgendwo sonst in der Welt – außer in China, das Auster auch boykottiert – sind Journalisten stärker von staatlicher Repression bedroht.

Erdogan reagiert mit populistischen Tiraden

Obwohl Erdogan behauptete, ein Paul Auster sei ihm unbekannt, reagierte er auf das Interview mit populistischen Tiraden und fand sein Publikum. „Oh! Wir brauchen dich sehr!“, spottete der Regierungschef während einer Versammlung seiner neoliberal-islamischen AK-Partei über den preisgekrönten Autor.

Dass Erdogan das türkische Prestige im Westen wenig schert, hat er schon oft bewiesen. Ihm geht es immer nur um sein Prestige in der Heimat und – ein wenig – im Nahen Osten.

Deshalb wohl erinnerte der Ministerpräsident daran, dass Auster vor zwei Jahren in Israel war – und feuerte sein Lieblings-Stereotyp ab: „Als ob Israel ein demokratisches, laizistisches Land ist, in dem die Menschenrechte unbegrenzt gelten. Was bist du für ein dummer Mann. Israel ist ein religiöser Staat. Sie sind es doch, die Bomben auf Gaza werfen.“

Paul Auster nahm den Fehdehandschuh auf und antwortete in der New York Times, immerhin herrsche in Israel Meinungsfreiheit, und es seien keine Schriftsteller und Journalisten inhaftiert.

Oppositionspartei CHP lädt Auster ein

Türkische Kommentatoren nutzten die Chance, mit Hilfe des Falles Auster das heikle Thema Pressefreiheit aufzugreifen. Die Oppositionspartei CHP lud den Autor ein. Erdogan prügelte daraufhin die Opposition – die stecke mit Auster und den inhaftierten Journalisten unter einer Decke. Jene seien keine Journalisten, sondern Terroristen.

Am Sonntag legte sein AKP-Generalsekretär Bülent Gedikli nach. In einem offen antisemitischen Rundumschlag bezeichnete er den Schriftsteller aus Brooklyn als Mitglied einer Verschwörung von Neokonservativen und Mitgliedern des sogenannten Ergenekon-Komplotts mit dem Ziel, die Türkei zu destabilisieren.

Ein Schriftsteller als Staatsfeind Nummer eins? Noch hat Paul Auster auf diese brillante Analyse nicht reagiert.

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