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Ausschreitungen in Chemnitz Die Macht der falschen Nachrichten

Für die Mobilisierung des rechtsextremen Mobs in Chemnitz spielen in den sozialen Medien verbreitete Gerüchte eine große Rolle.

Zwischen den Fronten
Mindestens 18 Demonstranten beider Lager und zwei Polizisten wurden verletzt. Foto: Sebastian Willnow

Die Tweets der Polizei Sachsen vom Sonntag lesen sich, als hätten der oder dem Social-Media-Verantwortlichen beim Verfassen die Schweißperlen auf der Stirn gestanden: zahlreiche Wortwechsel mit anderen Usern, ironische Verkündungen, man müsse sich erst noch mit Kanzlerin Merkel absprechen, und immer wieder die Bitte, sich mit Spekulationen zurückzuhalten. Um 15.27 Uhr war auf dem Twitter-Account der Polizei Sachsen zu lesen: „Entgegen der in einigen Medien kursierenden Infos, gibt es nach jetzigem Ermittlungsstand bzgl. des Tötungsdelikts in #Chemnitz keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausging. Bitte beteiligt euch nicht an Spekulationen!“

Der Appell ging ins Leere. Am Sonntagnachmittag wie am Montagabend marschierten Tausende Menschen auf, um gegen vermeintliche „Ausländergewalt“ zu demonstrieren. Mobilisiert hatten AfD und rechtsextreme Gruppen – unter Rückgriff auf Spekulationen und Gerüchte. Dadurch wurde die aggressive Stimmung maßgeblich angeheizt.

Die bisher gesicherten Fakten: Bei einem Stadtfest in Chemnitz kam es um etwa 3.15 Uhr früh am Sonntagmorgen zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern unterschiedlicher Herkunft. Drei der Beteiligten wurden dabei teils schwer verletzt; einer, ein 35-jähriger Deutscher, verstarb im Krankenhaus. Die Polizei hat zwei Männer aus Syrien und dem Irak festgenommen, 22 und 23 Jahre alt. Sie sitzen nun in Untersuchungshaft.

Nicht verstummt sind in den sozialen Medien auch Tage später Gerüchte, es habe einen zweiten Toten gegeben: Das stimmt nicht. Es kamen Gerüchte auf, „die Opfer“ seien Deutschrussen – falsch. In Bezug auf den Verstorbenen ist in den sozialen Medien außerdem immer wieder das Attribut „couragierter junger Mann“ zu lesen. Warum? Nach seinem Tod in der Nacht zum Sonntag verbreitete sich in den sozialen Medien schnell das Gerücht, der Mann sei erstochen worden, weil er eine deutsche Frau vor Belästigung durch Männer mit Migrationshintergrund verteidigt habe. Die Polizei Sachsen dementiert diese Behauptung seit Sonntag unmissverständlich. Wie ist sie dann entstanden?

„Couragiert“ ist ein Signalwort geworden, mit dem Rechte gern die „besorgten Bürger“ versehen, welche es sich zur Aufgabe machen, das eigene „Volk“ vor angeblich feindlichen Massen aus dem Ausland zu beschützen. So twitterte der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier am Montag: „Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach! Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende ‚Messermigration‘ zu stoppen!“ Passend zu Einlassungen dieser Art wurde die Falschnachricht verbreitet, auf das Opfer sei 25 Mal eingestochen worden.

Perfekter Nährboden

Die postulierte Schutzbedürftigkeit der deutschen Frau ist ebenfalls ein beliebter Topos in rechten Kreisen. Die Reden von der angeblich besonderen sexuellen Bedrohlichkeit von ausländischen Männern werden oft versehen mit Hinweisen auf die Kölner Neujahrsnacht 2015. So twitterte zum Beispiel der AfD-Bundestagsabgeordnete Udo Hemmelgarn am Montag unter Verwendung von gleich zwei verschiedenen Messeremojis: „Nicht die friedlichen Proteste der couragierten Chemnitzer gegen die kriminellen muslimischen Migranten sind das Problem, sondern die Vergewaltigungen+Morde durch illegale Einwanderer, die Migrantengewalt!“

Um es noch einmal zu wiederholen: Es gibt keinerlei Hinweise, dass sexuelle Gewalt oder Belästigung bei den Ereignissen in Chemnitz eine Rolle gespielt hat. Der Verbreitung entsprechender Gerüchte in den sozialen Medien tat das keinen Abbruch. Nötig dafür waren nur die Grunddaten: Stadtfest, Auseinandersetzung zwischen Männern, zum Teil mit Migrationshintergrund, Messerstiche. Rechte Denkmuster, verbunden mit dem Umstand, dass es kurz nach solch einem Vorfall meist nur wenige und widersprüchliche Informationen gibt, bildeten den perfekten Nährboden.

Dabei wirkt ein Effekt, den Kommunikationswissenschaftler „Priming“ nennen: Passt die dargebotene Nachricht zur eigenen Weltsicht, stimmt sie überein mit der eigenen Mediendiät? Dann wird sie angenommen. Die Quelle spielt dabei keine Rolle – wobei im Fall Chemnitz auch die „Bild“-Zeitung die Mär von der sexuellen Belästigung weiterverbreitet hatte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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