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Auslese Brutalität und Akribie

Die Geschichte der Sinti und Roma im Rheinland und in Westfalen - wer mehr darüber erfahren will, dem ist die neue Aufsatzsammlung empfohlen.

Roma leiden in vielen Ländern unter Ausgrenzung - noch heute. Foto: AFP

Eine Aufsatzsammlung. Also kein Buch, mit dem man sich aufs Sofa verzieht und eintaucht in eine andere Welt. Wer aber nicht nur schockiert und bewegt werden, sondern es genau wissen möchte, der wird zu diesen Aufsätzen greifen. Zum Beispiel: „Köln als regionales Zentrum der nationalsozialistischen Zigeunerverfolgung“ von Karola Fings. Köln war auch Avantgarde beim Vernichtungsfeldzug gegen Sinti und Roma. Im März 1935 wurde dort das erste kommunale „Zigeunerlager“ Deutschlands errichtet. Es war umzäunt und wurde von der SS bewacht.

Auch Sinti und Roma, die in Wohnungen lebten, wurden dorthin verschleppt. Aus aus umliegenden Städten und Gemeinden. Kaum war Polen überfallen, deportierte man die Bewohner der Lager dorthin. Mit der bekannten Mischung von Brutalität und bürokratischer Akribie. Das wird in zahlreichen der insgesamt mehr als 25 Aufsätze deutlich.

Neben den Ortsstudien gibt es auch zusammenfassende Überblicke über die Geschichte der Sinti und Roma in der Region, aber auch eine Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung dieser ja in den Versuch totaler Vernichtung mündenden Geschichte. Neben der sehr zögernden Aufarbeitung durch die Geschichtswissenschaft, ist auch der Umgang der Nachkriegsjustiz mit dem Völkermord an den Sinti und Roma ein Thema. Mitherausgeber Opfermann beschäftigt sich damit

Er schreibt: „In deutschen NS-Prozessen gab es in den Westzonen/in der Bundesrepublik insgesamt mindestens 6500 rechtskräftige Urteile und in der SBZ/DDR mindestens 12 890. Aufklärung und Ahndung der rassistisch motivierten Massenverbrechen trafen dabei – in krassem Gegensatz zur Größenordnung der Opferzahlen – auf ein vergleichsweise geringes Interesse. Die beiden Staaten zeigten hier eine Gemeinsamkeit. Bis in die 60er Jahre hinein hatte nur etwa ein Fünftel der jeweiligen Verfahren einen Bezug zur Schoah, eine vollständig marginale Rolle aber spielten die Verbrechen an Roma. Zwischen 1948 und 1991 waren Verbrechen an Roma in den Westzonen/in der Bundesrepublik gerade 27 mal und in der Ostzone/DDR viermal Ermittlungs- und Verhandlungsgegenstand.“

Wer „Zigeuner“ war und wer nicht, das definierte in vielen Fällen die Polizei. Man nahm das mit dem Rassismus häufig nicht so genau. Wer lebte wie ein Zigeuner, wer also keinen festen Wohnsitz hatte, konnte schnell zu einem ernannt und abgeschoben werden. Die Aufsätze führen hinunter bis zum Beispiel vom Kriminalassistenten Emil Jacobs in Duisburg, der Himmlers Runderlass zur „Zigeunerfrage“ in Fragebogen verwandelte und ihn so erst handhabbar machte für die örtliche Polizei.

Karola Fings und Ulrich F. Opfermann (Hg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933-1945, Ferdinand Schöningh 2012, 389 S., 29,90 Euro

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