Lade Inhalte...

Ausbeutung von DDR-Häftlingen Westfirmen fragten nicht nach

Für Steffen Alisch ist die Sache klar: Einerseits sei der Fall Ikea nicht wirklich neu, sagt der Mann vom Forschungsverbund SED-Staat. Andererseits müsse man noch viel stärker thematisieren, wie stark Häftlinge in der DDR ausgebeutet wurden.

03.05.2012 19:02
Markus Decker und Benedikt Paetzholdt

Viele westliche Konzerne haben in der DDR fertigen lassen – auch in Knästen, in denen politische Gefangene saßen. Alisch nennt die Namen Neckermann, Quelle, Salamander und fügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass das alle sind.“ Viele Westbetriebe hätten in der DDR eine billige Produktionsstätte gefunden, ohne sich jedoch für die Arbeitsbedingungen zu interessieren.

Der Fall Ikea zeigt auch, wie viel Unklarheit über die Geschäftsbeziehungen zwischen West und Ost noch immer herrscht. Man müsse genau prüfen inwieweit der Produktionsablauf von außen überblickt werden konnte, heißt es jetzt bei der Stasiunterlagen-Behörde.

„Ikea hat nicht entschieden, wer konkret für das Unternehmen arbeitet“, sagt Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz, der selbst in Haft saß. „Das hat die DDR entschieden.“ Die für den Außenhandel zuständigen Stellen hätten den Kontakt zu den Produktionsbetrieben hergestellt, unter anderem Gefängnisse.

Ob die Konzernzentralen über die Details Bescheid wussten, ist unklar. Vielmehr ist zu vermuten, dass sie es gar nicht so genau wissen wollten. Der Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hat nun Entschädigungszahlungen ins Spiel gebracht.

Die Wissenslücken sind groß. Martin Burkhardt von der Universität Hohenheim und Spezialist für Salamander, sagt, dass DDR-Strafgefangene für den Schuh-Fabrikanten tätig waren, sei nicht bekannt. Allerdings habe Salamander sehr gute Beziehungen in den Ostblock gehabt. Die Unternehmenssprecherin Birgit Fink verweist auf die wechselnden Eigentümer und betont: „Es gibt keine Initiativen, noch zu recherchieren.“

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte hat derweil schon 1982 einen Brief von Quelle erhalten. Darin erklärte sich der Versandhändler bereit, bei künftigen Verhandlungen mit seinen Vertragspartnern darauf hinzuwirken, dass bei der Herstellung von Waren, die an Quelle gehen, keine politischen Häftlinge tätig werden. Spätestens ab Oktober 1982 war also zumindest Quelle über die Hintergründe informiert.

Der Fall Ikea lüftet eines jener offenen Geheimnisse. Nur: Heute, 22 Jahre nach dem Ende der DDR, nimmt man sie noch einmal anders wahr. Das ist das Neue.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen