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Ausbeutung in DDR-Gefängnissen Zwei von drei Häftlingen leiden an Spätfolgen

Viele politische DDR-Häftlinge mussten nach ihrem Freikauf durch die Bundesregierung eine Entdeckung machen, die sie schockierte: Nicht selten stießen sie bei ihrem ersten Einkaufsbummel durch westdeutsche Kaufhäuser auf DDR-Waren, die sie selbst produzieren mussten.

Im Zuchthaus Waldheim ließ Ikea Sofas bauen. Foto: dpa

Und das noch wenige Tage zuvor in den sogenannten Arbeitseinsatzbetrieben ihrer ostdeutschen Gefängnisse. Über solche Erlebnisse wussten etwa die Insassinnen des berüchtigten Frauengefängnisses Hoheneck zu berichten, die Bettwäsche für den Westexport nähen mussten, aber auch Cottbuser und Brandenburger Häftlinge, die Pentacon-Kameras und Küchenmöbel für das In- und Ausland herstellten.

Zusammengetragen haben diese Geschichten die DDR-Bürgerrechtler Uwe Bastian und Hildigund Neubert vom Berliner Verein Bürgerbüro, die im Jahr 2003 eine Studie mit dem Titel „Schamlos ausgebeutet – Das System der Haftzwangsarbeit politischer Gefangener des SED-Staates“ vorlegten. Die Studie beruhte auf der Befragung von 361 ehemaligen politischen Häftlingen. Ihr Fazit: Was den rechtlichen Hintergrund und die Arbeitsbedingungen betrifft, sei die in DDR-Haft verrichtete Gefangenenarbeit der 1957 von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verbotenen Zwangsarbeit zuzurechnen – die DDR hatte das entsprechende Abkommen nicht unterzeichnet.

Der Lohn: 40 Mark im Monat

Für die marode DDR-Wirtschaft war die Arbeit der Häftlinge kein unbedeutender Produktionsfaktor. Der Studie zufolge existierten Ende der Achtzigerjahre weit mehr als 20?000 Arbeitsplätze in nahezu allen Produktionszweigen. Die Häftlinge, von denen die „Politischen“ meist innerhalb der Vollzugsanstalten, die „Kriminellen“ in besonders gesicherten Produktionsbereichen der Betriebe arbeiten mussten, erwirtschafteten einen Anteil zwischen 0,2 und einem Prozent an der DDR-Gesamtproduktion. Zwar war für viele Häftlinge die Arbeit eine willkommene Abwechslung, da die Zeit im Gefängnis dadurch schneller verging. Allerdings waren die Bedingungen, unter denen sie diese Arbeiten verrichten mussten, und die Entlohnung menschenrechtswidrig. So weisen Neubert – die heute Stasi-Landesbeauftragte in Thüringen ist – und Bastian in ihrer Studie nach, dass der Arbeitslohn durch gesetzliche Regelungen immer weiter gesenkt wurde. Zwar zahlten die DDR-Betriebe, die in den Gefängnissen produzieren ließen, an den Strafvollzug den gesetzlichen Bruttolohn. Der Häftling erhielt davon jedoch nur einen Bruchteil: Laut Studie behielt die Strafanstalt bis zu 90 Prozent ein.

Hinzu kommt, dass die Normen und Arbeitszeiten in den Häftlingsbetrieben deutlich höher lagen als in der DDR-Wirtschaft. Die Näherinnen in Hoheneck etwa, die Bettwäsche für westdeutsche Kaufhäuser herstellten, mussten sechs Tage pro Woche im Drei-Schicht-System arbeiten und eine zusätzliche Sonntagsschicht im Monat einlegen. Der auftraggebende DDR-Betrieb zahlte dafür an die Anstalt einen Monatslohn von 383 Mark, wie er für Ungelernte üblich war. Den Frauen blieben davon nur rund 40 Mark.

Bei den Häftlingen, die in Chemiebetrieben eingesetzt waren, kamen zur schlechten Entlohnung noch die katastrophalen Arbeitsbedingungen hinzu. So mussten viele der in Bitterfeld und Buna eingesetzten Gefangenen ohne ausreichende Schutzkleidung wie Schürzen, Arbeitshandschuhen und Atemmasken an den veralteten Anlagen arbeiten. Im Chemiekombinat Bitterfeld etwa starben 1980 und 1981 zwei Häftlinge an einer Quecksilbervergiftung.

Eine mangelhafte Ernährung und die schlechte ärztliche Versorgung in den Haftanstalten verstärkten die gesundheitlichen Probleme der Insassen. Der Studie zufolge litten die Häftlinge vor allem an Erkrankungen des Verdauungsapparates, Rheuma, dauerhaften Kopfschmerzen und Herzbeschwerden. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie noch heute unter physischen und psychischen Folgeschäden der Zwangsarbeit litten.

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