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Aufstand in der Türkei "Wir sind alle Plünderer"

Demonstranten nennen sich Plünderer, Schauspieler machen sich über das regierungsnahe Fernsehen lustig. Immer öfter spielen die Aufständischen in der Türkei ihre vielleicht stärkste Waffe aus: Spott.

06.06.2013 14:13
Timur Tinç
Ziehen gut gelaunt in den Straßenkampf: Türkische Demonstranten. Foto: dpa

Everday I’m Çapuling. „Jeden Tag bin ich am plündern“, soll diese Wortkreation aus Türkisch und Englisch bedeuten und ist die Überschrift eines Youtube-Videos. Es ruft am Donnerstagabend um 22 Uhr zum „Plündern“ auf allen Plätzen der türkischen Großstädte auf und ist einer von zahlreichen kreativen Protesten gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdo?an.    

Wie wir berichteten,gehen seit Freitag hunderttausende Menschen in der Türkei auf die Straße. Sie protestieren gegen den autoritären Führungsstil der islamisch-konservativen Partei AKP. Drei oder fünf „Çapulcu“, zu Deutsch: Marodeure, Plünderer, so Erdo?an, würden ihn nicht davon abhalten den Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul abzureißen und ein Einkaufszentrum hinzustellen. Vor wenigen Tagen wurde das „Volkslied der Çapulcu“ komponiert, der Jazzchor der Bo?aziçi-Universität widmete dem Wort ein Akapella-Lied. "Wir sind alle Plünderer", sagen die Demonstranten.

Viele türkische Prominente zeigen ihre Solidarität. Der renommierte Pianist Faz?l Say , der im April wegen "Blasphemie" zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, beginnt ein Konzert in Izmir, indem er wie die Demonstranten mit einer Suppenkelle auf einen Kochtopf schlägt. „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“, rufen seine Zuhörer. 

CNN-Türk ignoriert Proteste

Der Schauspieler Sermiyan Midyat zeigt seinen Unmut über die Berichterstattung von CNN-Türk, indem er in einer Livesendung sein Hemd auszieht und darunter ein T-Shirt mit Pinguinen zum Vorschein kommt. Der Sender hatte wie fast alle TV-Kanäle tagelang nicht von den Protesten berichtet und stattdessen Freitag- und Samstagnacht – als die Polizei besonders heftig zuschlug - eine Dokumentation über die Tiere vom Südpol ausgestrahlt.  

Megastar Tarkan zeigt sich mit einer Maske an einem Fenster in der Nähe des Taksim-Platzes, dutzende Schauspieler ziehen Arm in Arm zum Gezi-Park. „Die Schauspieler des Volkes, laufen vorneweg“, titelten diejenigen, die die Bilder in den sozialen Netzwerken teilten. US-Basketballstar Deron Williams zwitscherte #occupygeziund #direngezipark. Der Tweet wurde tausendfach geteilt.

Für Erdo?an ist der Kurznachrichtendienst eine Plage. In Izmir wurden über 30 junge Menschen festgenommen, weil sie über Twitter Nachrichten verbreitet hatten. Unter anderem hatten sie "W-Lan Passwörter für den Widerstand" verteilt oder vor bestimmten Straßen gewarnt, weil die Polizei dort besonders präsent sei. Darauf reagierte das Magazin Leman, dessen Karikatur auch für deutschsprachige Leser verständlich ist.

"Wollen wir Pfefferspray essen, Schatz?"

Selbst die massive Polizeigewaltder vergangen Tage wird mit höhnischen Sprüchen kommentiert. Beispiel: „Wollen wir gemeinsam ein bisschen Pfefferspray essen Schatz?“ Bilder von selbstgebastelten Wasserwerfen machen die Runde, Mitarbeiter einer Fluggesellschaft drehen ein Video mit "Sicherheitshinweisen für Demonstranten."

Der Protest bringt sogar verfeindete Fangruppen zusammen, wie die drei Istanbuler Fußballklubs Be?ikta?, Fenerbahçe und Galatasaray.Tausendfach geteilt wird auch dasBild von zwei Demonstrantinnen, die Hand in Hand posieren, eine mit Kopftuch, die andere mit gefärbten Haaren und Minirock. Die Botschaft: Der Protest wird nicht von irgendeiner Gruppe getragen, sondern vom gesamten Volk.

Sunniten, Aleviten, Linke, Nationalisten und Kurden zu einen, das schafft nur einer: Erdo?an mit seiner Sturheit. Wenn er Demonstranten als „Plünderer“ verunglimpft, als Trinker und Linksextreme, dann gießt er damit nur weiter Öl ins Feuer.

Am heutigen Donnerstag kommt Recep Tayyip Erdo?an von seiner viertägigen Reise aus den Maghreb-Staaten zurück. Die Plünderer und Marodeure haben sich für seine Ankunft sicher etwas Kreatives einfallen lassen.

 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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