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Attentat auf Rudi Dutschke „Die Springer-Villa anstecken“

Nach den Schüssen auf Rudi Dutschke entlädt sich die Wut und die Trauer der APO- Mitstreiter gegen den Springer-Verlag. Doch war der Attentäter tatsächlich ein Verführter der „Bild“?

Anti-Springer Demo
Fünf Tage nach dem Attentat auf Rudi Dutschke ziehen Studenten auch in Bonn durch die Straßen. Foto: Peter Popp (dpa)

Da an jenem Gründonnerstag des Jahres 1968 mit Rudi Dutschke die Gallionsfigur der Studentenrevolte lebensgefährlich verletzt worden war, schien der Hintergrund für den versuchten Mordanschlag unmittelbar klar zu sein. Die Parole lautete nicht nur unter den Berliner Aktivisten, sondern denen der gesamten Bundesrepublik schlicht und einfach: „,Bild’ schoss mit.“ Weil die Tat als Folge einer Hetzkampagne des Berliner Senats und der Springer-Presse angesehen wurde, waren im Verlauf der Ostertage große Anstrengungen unternommen worden, um durch Blockaden die Auslieferung von Springer-Zeitungen zu verhindern. Das Attentat vom 11. April hatte seinerzeit die größten innenpolitischen Unruhen ausgelöst, die die Nachkriegsdemokratie bis dahin erschüttert hatten.

Für die Demonstranten schien klar zu sein, dass der Attentäter, der wie sich schon bald herausstellte ein ursprünglich aus der DDR stammender Neonazi war, nur das ausgeführt haben konnte, was Redakteure und Zeichner der Springer-Zeitungen in zahllosen Pamphleten und Karikaturen zuvor propagiert hatten: Die Hetze auf linke Studenten im allgemeinen und auf Dutschke im besonderen. Die auf ihn abgegebenen Schüsse, so glaubte man, sollten nicht nur ihren bekanntesten Kopf, sondern die gesamte Bewegung treffen.

An den vier Tage andauernden Blockaden der Druckerei-Ausfahrten beteiligten sich über 60 000 Demonstranten. Mehr als 20 000 Polizisten wurden gegen sie eingesetzt. Im Laufe der Auseinandersetzungen nahmen sie über tausend fest, 400 von ihnen wurden verletzt und zwei – der 32-jährige Fotoreporter Klaus Frings und der 27-jährige Student Rüdiger Schreck – in München unter nie endgültig geklärten Umständen, möglicherweise gar durch Steinwürfe aus den eigenen Reihen, getötet.

Doch die aktionistischen Reaktionen auf den versuchten Mordanschlag, die West-Berlin an den Rand eines Ausnahmezustands brachten, waren alles andere als selbstverständlich. Sie waren von Anfang an problematisch, wenn nicht gar abenteuerlich. Als sich am Abend an die 2 500 APO-Angehörige im Audimax der Technischen Universität trafen, war der in dieser Situation unter den Anwesenden Gefragteste zweifelsohne Bernd Rabehl: Dutschkes langjährigster Weggefährte, ebenfalls aus der DDR stammend, gleichfalls Soziologie studierend und wie er Mitglied in der Subversiven Aktion ebenso wie im SDS.

Obwohl ihm der Anschlag besonders nah ging, war ihm rasch klar geworden, dass er nicht umhinkommen würde, in dieser angespannten Situation das Wort zu ergreifen. Was ihn bewegte und was ihm in diesen Momenten durch den Kopf ging, hat er später mit den Worten beschrieben: „Alle waren aufgeregt. Eine tiefe Trauer machte sich breit. Einige heulten. Ich wurde ganz ruhig. Ich wusste, dass ich reden musste. Ich wusste nicht, ob Dutschke noch lebte. (...) Wir hatten ihn nicht schützen können.

Er war zum Opfer einer Lynchstimmung geworden. Wir mussten Mut zeigen. Wir mussten Ziele finden, um unseren Widerstandswillen zu demonstrieren. Mir war plötzlich egal, ob ich alles riskierte, ob ich verhaftet wurde und wie meine berufliche Zukunft aussehen würde. Wir mussten kämpfen und für unsere Ideen einstehen.“ Mehrfach von Applaus unterbrochen erinnerte er daran, dass vom Senat und von der Springer-Presse „Pogromhetze“ gegen die Studenten geübt worden sei, und rief dann fast beschwörend in den Raum: „Die wirklichen Schuldigen heißen Springer, und die Mörder heißen Neubauer und Schütz!“ Und es gab offenbar niemanden, der ihm in dieser aufgeladenen und als beängstigend empfundenen Situation hätte widersprechen wollen.

Damit hatte er sich, ohne dass irgend jemand unter den Anwesenden hätte sagen können, wer eigentlich der Attentäter genau war, welches seine Motive waren, ob er Hintermänner, gar Auftraggeber hatte und welchen möglicherweise politischen Hintergrund das alles vielleicht hätte haben können, weit hervorgewagt und gleich drei Namen von vermeintlich Schuldigen genannt. Einen angeblich Verantwortlichen und zwei angebliche „Mörder“. Das war jedenfalls eine Weichenstellung von unerhörter Tragweite, der dann große Teile der bundesdeutschen APO-Aktivisten gefolgt sind.

In diesen Worten kam zweifelsohne die seit dem Vietnam-Kongress zwei Monate zuvor höchst angespannte Situation zum Ausdruck, in der es ein ums andere Mal tatsächlich pogromartige Szenen in der geteilten Stadt gegeben hatte und die zumeist gegen Dutschke gerichtet waren. Insofern schien ein Gewaltakt wie ein Anschlag bereits seit Längerem geradezu in der Luft gelegen zu haben. Es schien nur folgerichtig, dass dann beschlossen wurde, der Senat müsse zurücktreten und Springer enteignet werden. Doch die Versammelten zogen nicht etwa zum Senat, sondern zu dem in der Kochstraße, direkt an der Mauer gelegenen Springer-Hochhaus.

Doch stimmte es überhaupt, den Attentäter als einen Verführten der Springer-Presse und insbesondere der „Bild“-Zeitung hinzustellen? Als der 24-jährige Neonazi Josef Bachmann am Morgen mit dem Interzonenzug aus München kommend kurz nach neun am Bahnhof Zoologischer Garten eintraf, war er mit einem Trommelrevolver bewaffnet und hatte außerdem ein Exemplar der „Deutschen Nationalzeitung und Soldatenzeitung“ mit dabei – die Ausgabe vom 22. März 1968. Sie schien eine besondere Bedeutung für ihn zu haben, denn im Unterschied zu anderen Blättern hatte er Teile von ihr sorgfältig ausgeschnitten und in einem Pappumschlag aufbewahrt. Auf der Titelseite stand die Aufforderung: „Stoppt Dutschke jetzt! / Sonst gibt es Bürgerkrieg“ Unmittelbar darunter waren fünf Fotos abgebildet, die wie die Serie aus einer Verbrecherkartei der Polizei wirkten.

Wie eine Steilvorlage zu einem Anschlag

Für Bachmann hatten diese Aufnahmen aber auch einen ganz praktischen Zweck: Sie sollten dazu dienen, Dutschke zu identifizieren. Die Schlagzeile, die sich wie eine Steilvorlage zu einem Anschlag las, war in dem chauvinistisch-rechtsradikalen Blatt alles andere als eine Ausnahme. Seit Wochen hatte sich dessen Redaktion auf Dutschke regelrecht „eingeschossen“. Der SDS-Sprecher war dort wiederholt als die größte Gefahr für Volk und Vaterland erklärt worden. Bachmann hatte sich anschließend zum Einwohnermeldeamt begeben, um sich dort nach dem Wohnsitz des von ihm Gesuchten zu erkundigen. Ihm wurde fatalerweise erklärt, dass Dutschke sich wohl unter der Adresse „Berlin 31, Kurfürstendamm 140“ aufhalte. Also in dem dort befindlichen SDS-Zentrum.

Nachdem er noch einmal zum Bahnhof Zoo zurückgefahren war, um sich ein wenig zu stärken, ging er von dort aus zu Fuß hin und verübte, was er geplant hatte. Die gesamte Fixierung auf die Springer-Presse war also eher ein Ventil für die aufgestaute Empörung. Man hatte nach einem Adressaten für die Hass- und Wutgefühle gesucht und geglaubt, sie in dem Verleger und seinen Blättern finden zu können. Dies hatte aber in einem unmittelbaren Sinne nichts mit dem Attentäter zu tun.

Als gegen halb Zehn die Vorhut der Demonstranten in der Kochstraße eintraf, gehörte zu ihr auch Ulrike Meinhof, die gemeinsam mit ihrem jungen Hamburger Redaktionskollegen Stefan Aust mit einem R4 dorthin gefahren war. Die anderen Demonstranten zogen derweil mit Fackeln und roten Fahnen zu der in Kreuzberg gelegenen Kochstraße. In der ersten Reihe war der von der Presse als „APO-Anwalt“ apostrophierte Horst Mahler zu sehen, der ein Megaphon mit sich führte. Als der Demonstrationszug kurz vor Elf am Springer-Hochhaus eintraf, wuchs die Menge der Demonstranten auf etwa 2 500 an. Unter lautstark skandierten Sprechchören wie „Rudi – Dutschke“ und „Springer – Mörder“ durchbrachen sie die sich ihnen entgegenstellende Polizeikette und drangen durch die zerbrochenen Glasscheiben ins Foyer des Gebäudes ein.

Arbeiter drängen Eindringlinge zurück

Da sich ihnen dort aber aus dem Verlag stammende Drucker und Setzer mit ihren Hämmern und Schraubschlüsseln entgegenstellten, wurde es gefährlich. Rabehl befürchtete gar, dass es Tote geben würde, wenn man sich auf einen solchen Kampf einließe. Den Arbeitern gelang es, die Eindringlinge nach nur kurzer Zeit wieder hinauszudrängen. Damit verlagerte sich das Zentrum der Auseinandersetzungen aber nur nach draußen. Denn während sich auf dem Vorplatz eine Straßenschlacht entwickelte, begann eine Menge anderer Demonstranten auf dem gegenüberliegenden Parkplatz damit, Auslieferungsfahrzeuge in Brand zu setzen.

Besonders hervor tat sich dabei mit Peter Urbach ein Vertrauter der Kommune I, der – wie sich später herausstellte – als Agent Provocateur für den Verfassungsschutz arbeitete. In seinen Armen trug er ein Körbchen mit sich, in dem sich Brandflaschen – sogenannte Molotow-Cocktails – befanden, die er freigiebig unter den Demonstranten verteilte. Da die Aktivisten anfangs Probleme hatten, die Fahrzeuge überhaupt anzuzünden, zeigte er ihnen, wie man das am besten macht. Sie sollten erst einmal umgestürzt werden, empfahl er ihnen, damit die unten liegenden Tanks besser zu erreichen seien und von dort am besten angezündet werden könnten. Der Fahrzeugpark verwandelte sich nun in ein regelrechtes Flammenmeer. Eine ganze Reihe von Wagen brannte aus. Die Umgebung des Springer-Hochhauses wirkte in dieser Nacht mit tätiger Unterstützung eines dubiosen staatlichen Agenten wie ein gespenstisches Fanal.

Drei der Aktivisten setzten sich nach Mitternacht in einen Wagen und hielten Ausschau nach neuen Zielen für ihre Brandstiftungsaktionen. Es waren die beiden Kommunarden Fritz Teufel und Michael Baumann sowie jener Mann, der bereits auf dem Springer-Parkplatz so wirkungsvoll in Erscheinung getreten war. Baumann beschrieb in seinen 1975 erschienenen Erinnerungen „Wie alles anfing“, was sie in den frühen Morgenstunden noch so alles im Schilde geführt, aber dann letztlich doch nicht umgesetzt hatten: „An dem Abend nach den brennenden Autos, da bin ich mit Urbach und Fritz rumgefahren im VW mit einer Kiste mit den restlichen Mollies, und wir haben überlegt, was wir nun noch anstecken könnten. (...) ist uns aber nichts richtiges eingefallen, wollten denn noch die Oper anstecken, aber sind denn ratlos nach Hause gefahren. Wir wollten noch rausfahren nach Schwanenwerder, wo der Springer so’ne Villa hat, die wollten wir auch noch anstecken, aber dann wusste wieder keiner genau, wo das ist. Jetzt waren Terrorprobleme sehr aktuell.“ Das wirkte wie eine Vorahnung dessen, was im Winter 1969/70 mit den Tupamaros und ein paar Monate später mit der RAF in Gang kommen sollte.

Worin aber bestand nun die Signatur dieser bedrückenden, aufwühlenden und von vielen Seiten hochgradig aufgeladenen Ostertage? Es sind eine Reihe von Faktoren, die sich damals situativ verdichtet hatten:

Ein Rechtsradikaler versucht einen Linksradikalen zu ermorden, einen Mann, der wie kein anderer die 68er-Bewegung personifiziert hat.

Ihre Aktivisten wollen sich dagegen energisch zur Wehr zu setzen. Schließlich fühlen sie sich selbst bedroht und wollen gleichzeitig zeigen, dass hier eine Grenze überschritten worden ist, die man auf keinen Fall hinnehmen dürfe.

Hauptzielscheibe der Attacken ist der Großverleger Axel Springer, von dem man glaubt, dass er durch Boulevardblätter wie die „Bild“-Zeitung das Bewusstsein der Bevölkerung manipuliere und die studentischen Proteste diskreditiere.

Außerdem tritt ein Under-Cover-Agent des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz auf. In einer solchen Situation gießt er durch Molotow-Cocktails und Handreichungen zur Brandstiftung auch noch zusätzlich Öl ins Feuer. Die naheliegende Frage, warum er das getan hat und in wessen Auftrag, ist nie geklärt worden.

Viele dieser Probleme begleiten diese Republik wie ein Schatten: die Bedrohung durch Rechtsradikalismus und Neonazismus, eine sich entgrenzende Gegenwehr von linken Seite, eine ebenso emotionalisierende wie entpolitisierende Pressepolitik und die undurchsichtige Rolle, die hier der Staat wieder einmal mit einem seiner Geheimdienste gespielt hat. Wie unter einem Mikroskop war all dies am Gründonnerstag des Jahres 1968 sichtbar geworden.

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