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Attentat auf BVB-Bus Anschlag aus Habgier

Der mutmaßliche BVB-Attentäter wollte offenbar Dortmunder Spieler töten.

Rottenburg am Neckar
Die Festnahme erfolgte am Wohnort des Verdächtigen in Rottenburg am Neckar. Foto: dpa

Zehn Tage nach dem Anschlag trat die Sprecherin der Bundesanwaltschaft erneut vor die Presse. Und diesmal konnte sie, anders als am Mittag des 12. April, einen Erfolg vermelden. Die Ermittler hätten im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund am 11. April einen 28-jährigen Verdächtigen festgenommen, der mit ziemlicher Sicherheit auch der Täter sei, sagte Frauke Köhler in Karlsruhe vor Journalisten. Bei dem Anschlag erlitt der spanische Spieler Marc Bartra Verletzungen am Arm und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Andere Spieler warfen sich aus Angst auf den Boden. Sie sind, wie die jüngsten drei Spiele zeigen, teilweise stark verunsichert. Man könnte auch sagen: traumatisiert.

Allerdings handelt es sich bei dem Urheber nicht, wie anfangs aufgrund eines am Tatort gefundenen Bekennerschreibens gemutmaßt worden war, um einen Islamisten und auch nicht um einen Rechtsextremisten oder einen verrückt gewordenen Fußballchaoten, wie Köhler ausführte. Der Deutsch-Russe Sergej W., mit Wurzeln im Ural, der aus Freudenstadt im Schwarzwald stammt und im baden-württembergischen Rottenburg festgenommen wurde, handelte stattdessen augenscheinlich aus rein materiellen Gründen. Allein deshalb war er bereit, Menschen schwer zu verletzen oder gar zu töten, genauer: Fußballspieler – weshalb er nun auch, wie die Sprecherin der Bundesanwaltschaft erklärte, des versuchten Mordes verdächtigt wird.

Das Börsenmagazin der ARD hatte bereits am Tag nach dem Anschlag den richtigen Instinkt bewiesen und von auffälligen Optionsgeschäften berichtet. Schließlich ist Borussia Dortmund seit einigen Jahren ein börsennotiertes Unternehmen. Demnach habe ein Käufer auf Scheine gesetzt, die entweder auf „eine extreme Unerfahrenheit“ oder darauf schließen ließen, „dass auf einen extremen Kursabsturz der Aktie gewettet wurde“. Die zweite Variante erwies sich als die richtige. Freilich hat der Käufer auf den Absturz nicht bloß gewettet – was die ARD-Kollegen nicht ahnen konnten. Er hat ihn selbst mit Gewalt herbeizuführen versucht.

Demnach reservierte Sergej W. im März sehr planmäßig ein Zimmer im Dortmunder Mannschaftshotel L’Arrivée – mit der Bitte um Aussicht auf genau jene Szenerie, die sich später als Tatort des Anschlags erweisen sollte. Am 9. April bezog der Mann das Zimmer und erwarb von dort unter anderem am 11. April, dem Tag des geplanten Spiels zwischen Dortmund und dem AS Monaco, online drei verschiedene sogenannte Derivate. Diese hätten Sergej W. einen umso höheren Gewinn beschert, je tiefer die Aktie gefallen wäre.

Um dies zu erreichen, nahm der Tatverdächtige das Kapital des Vereins, sprich: seine Spieler, ins Visier. Die Sprengsätze zündete Sergej W. mutmaßlich von seinem Hotelzimmer aus. Der Mann ist, wie man jetzt weiß, ausgebildeter Elektrotechniker und leistete Wehrdienst bei der Bundeswehr. Die Hinweise, dass mit den Aktiengeschäften etwas faul sein könnte, kamen aus dem Finanzsektor selbst.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zufolge investierte Sergej W. insgesamt 79 000 Euro teils kreditfinanziert in insgesamt 15 000 Aktienoptionsscheine des beschriebenen Typs. Über die Hebelwirkung hätte er damit Millionen erwirtschaften können. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: „Die Beweise reichen tief. Der Verdacht ist gewaltig.“ Sergej W. wurde tagelang observiert. Es werde „jetzt darauf ankommen, die Beweismittel so zu verfestigen, dass eine Verurteilung erfolgen kann“, so de Maizière. Denn dass er den Sprengstoff zündete, ist dem Vernehmen nach noch nicht bewiesen. Und wie sich der Beschuldigte verhält, ist ungewiss. Vermutlich wird er zumindest zunächst schweigen. Dann müssen möglichst viele Indizien her. Komplizen gibt es nach jetzigem Wissensstand nicht.

Unterdessen setzte am Freitag eine Debatte über mögliche Konsequenzen ein. Der sportpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu, sagte der FR: „Ich bin sehr glücklich, dass der Täter gefasst ist. Doch der Vorgang zeigt, dass man sich vor voreiligen Schlüssen hüten sollte.“ Insbesondere rechte Populisten warnte er, „sich bestimmte Terrorakte ,herbeizuwünschen‘“. Gemeint waren islamistische Terrortaten.

Der sportpolitische Sprecher der Linksfraktion, André Hahn, erklärte: „Solche menschenverachtenden Wetten wie die auf Dortmund gehören schlichtweg verboten.“ Ähnliches gelte beispielsweise für Spekulationen auf die Entwicklung von Nahrungsmittelpreisen. „Wer solche Wetten anbietet, dem sollte man die Lizenz entziehen. Da ist jedes Maß überschritten.“

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