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Attentäter von Istanbul Auftragskiller oder Terrorist?

Die türkische Polizei fasst den mutmaßlichen Attentäter auf den Istanbuler Nachtclub Reina. Vieles passt nicht in das gewohnte Raster von IS-Operationen.

Reporter filmen das Versteck von Abdulkadir M. Foto: AFP

„Das Monster ist gefasst“, titelten mehrere türkische Zeitungen übereinstimmend am Dienstag. Der Attentäter, der in der Neujahrsnacht ein Massaker mit 39 Toten und 65 Verwundeten im Istanbuler Nachtklub Reina anrichtete, ist am Montagabend nach Angaben der türkischen Behörden im Istanbuler Bezirk Esenyurt auf der europäischen Stadtseite verhaftet worden. Laut dem Istanbuler Gouverneur Vasip Sahin hat der Mann namens Abdulkadir Mascharipow die Tat gestanden; auch passten seine Fingerabdrücke zu denen vom Tatort. Rund 2000 Polizisten und Mitarbeiter des Geheimdienstes MIT hatten in mehreren türkischen Provinzen fieberhaft nach dem 34-Jährigen Usbeken gefahndet, der zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehören soll. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte in Ankara, der mutmaßliche Angreifer sei „bei einer erfolgreichen Operation unserer Sicherheitskräfte“ gefasst worden. „Ich habe es bereits zuvor gesagt, in diesem Land wird keiner mehr ungeschoren davonkommen.“

Im Internet verbreitete Aufnahmen zeigten Mascharipow kurz nach der Festnahme, sein Gesicht blutig und geschwollen. Der Mann mit dem Decknamen Ebu Muhammed Al-Khorasani wurde zusammen mit vier mutmaßlichen Komplizen gefangen: dem aus dem Irak stammenden Wohnungseigentümer sowie drei jungen Frauen aus Somalia, Ägypten und dem Senegal. Die Frauen habe der Attentäter zur Tarnung benutzt, erklärte der Istanbuler Gouverneur Vasip Sahin am Dienstagvormittag. Er dementierte Berichte, wonach auch der vierjährige Sohn des Verdächtigen in der Wohnung in Esenyurt gewesen sei.

Der Gouverneur bestätigte, dass Mascharipow in Usbekistan geboren worden sei. Der Verdächtige spreche vier Sprachen, sei in Afghanistan militärisch geschult worden und im Januar 2016 illegal über die östliche Grenze in die Türkei eingereist. „Er ist ein gut trainierter Terrorist.“ Nachdem die Polizei Hinweise auf fünf „sichere Häuser“ des IS in Esenyurt erhalten habe, seien diese observiert und am Montag gestürmt worden. In einem von ihnen habe Mascharipow sich unter dem Bett versteckt. Insgesamt seien seit dem Attentat vor gut zwei Wochen Razzien an 152 Adressen durchgeführt und 50 Personen festgenommen worden, so Sahin weiter. Dabei seien 197.000 Dollar (185 000 Euro) in bar, zwei Pistolen, zwei Drohnen und weiteres Equipment sichergestellt worden. Die Beamten hätten rund 7200 Stunden Aufnahmen von Überwachungskameras gesichtet.

Bei einem Polizeieinsatz im westlichen Istanbuler Vorort Silivri waren schon am Sonntag 150.000 Dollar, die angeblich für den Attentäter bestimmt waren, in einer Wohnung gefunden worden. Türkischen Medienberichten zufolge wurde Mascharipow seit drei Tagen observiert, doch hätten die Sicherheitskräfte mit dem Zugriff abgewartet, um mögliche Komplizen zu identifizieren. Die Zeitung Hürriyet zitierte Behördenvertreter, wonach Mascharipow für Geld und nicht aus ideologischen Gründen gemordet habe.

Der Attentäter hatte sich zu Silvester eine Stunde nach Mitternacht Zulass in die Istanbuler Nobeldisco Reina verschafft und mit einem automatischen Kalaschnikow-Gewehr auf Hunderte Feiernde feuerte. Er entkam, indem er kurz vor Anrücken der Polizei mit einem Taxi nach Esenyurt fuhr, seinen vierjährigen Sohn bei seiner Frau abholte und untertauchte. Im Nachgang bekannte sich der IS offiziell zu dem Anschlag, erstmals überhaupt in der Türkei.

Doch nicht nur der Fund des Geldes, vieles an der Affäre passt nicht in das gewohnte Raster von IS-Operationen. Zum einen sprengte sich der Attentäter nicht wie üblich selbst in die Luft. Der bekannte türkische Investigativjournalist Ismail Saymaz wies auf Twitter darauf hin, dass es für den IS zudem höchst ungewöhnlich sei, Frauen einzusetzen; Saymaz glaubt auch, dass Mascharipow „eher ein Auftragskiller“ sei.

Die Beobachtung könnte zu Behauptungen des türkischen Vizepremiers Numan Kurtulmus und des Außenministers Mevlüt Cavusoglu passen, die sich kürzlich darauf festgelegt hatten, dass ein professioneller staatlicher Geheimdienst an dem Reina-Massaker beteiligt gewesen sei. Gouverneur Vasip Sahin ging darauf nicht ein, sondern erklärte: „Es ist total offensichtlich, dass der Reina-Anschlag vom IS organisiert wurde.“

Der Fall hat ein Schlaglicht auf gefährliche Dschihadisten unter Hunderttausenden Migranten aus früheren Sowjetrepubliken Mittelasiens und aus China geworfen, die visafrei in die Türkei einreisen können. Mascharipow wurde offenbar durch Terrorzellen in verschiedenen türkischen Städten unterstützt. Erst am Freitag hatten die türkischen Behörden Untersuchungshaft gegen zwei verdächtige Uiguren unter anderem wegen „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ und „Beihilfe zum vorsätzlichen Mord in 39 Fällen“ angeordnet. Die Uiguren sind eine unterdrückte muslimische Minderheit in China, denen die Türkei seit Langem Unterstützung gewährt.

In Istanbul bewegte sich Mascharipow den Behörden zufolge zwischen verschiedenen Stadtvierteln mit Migranten aus Usbekistan, Kirgisistan, Kasachstan, Tschetschenien und China. Die Reaktion des IS auf seine Verhaftung ließ nicht lange auf sich warten. Am Dienstag veröffentlichte die Terrormiliz ein Video im Internet, in dem ein bärtiger Dschihadist unbehelligt durch Istanbuls Touristenviertel Sultanahmet läuft und mit neuen Anschlägen droht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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