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Atomwaffen „Ein Einsatz bedeutet das Ende der Welt“

Der Ausstieg der USA aus dem Iran-Abkommen könnte eine Welle der atomaren Aufrüstung auslösen. Im Interview mit der FR spricht der russische Militärexperte Litowkin über neue Waffen und Rüstungsstrategien in Washington und Moskau.

SS17
Eine Rakete des Typs SS 17 in Kazachstan. Foto: imago

Herr Litowkin, modernisiert Russland seine Atomwaffen?
Russland tauscht alte strategische Atomraketen, deren Tauglichkeitsfrist ausläuft, gegen neue aus. Es geht in erster Linie um SS19- und SS18-Systeme und um den mobilen Bodenkomplex SS25. Dabei wird die SS18 durch die neue Rakete „Sarmat“ ersetzt, die noch in der Erprobung ist. Deshalb verzögert sich der Wechsel vermutlich bis 2021. Dann werden die SS18 in 46 Raketenschächten gegen 46 „Sarmat“-Raketen ausgetauscht.

Und die SS18- und SS19-Komplexe werden gegen neue Raketen des gleichen Typs ausgetauscht?
Nein, an ihre Stelle kommen leistungsstärkere Systeme. Die SS19 etwa weichen „Jars“-Raketen. Alte Raketen werden durch völlig neue ersetzt.

Wladimir Putin hat im März nicht nur die Interkontinentalrakete „Sarmat“ vorgestellt, sondern diverse neue Atomwaffen: das System „Awantgard“ etwa und ein unbemanntes Nuklear-U-Boot. Welche dieser Waffen sind in naher Zukunft einsatzbereit?
„Awantgard“ ist keine Rakete, sondern ihr Gefechtskopf. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass „Sarmat“-Raketen „Awantgard“-Köpfe tragen werden. Möglicherweise werden auch die „Jars“-Komplexe damit versehen. Die Hyperschallrakete „Kindschal“, von der Putin auch sprach, ist schon im Dienst, zehn MiG31-Flugzeuge sind mit „Kindschal“-Raketen bewaffnet. Noch gibt es keine Verlautbarungen, dass sie atomare Sprengköpfe erhalten. Aber im Prinzip können sie damit ausgerüstet werden. Über die U-Boot-Drohne zu reden ist noch zu früh, ihre Prototypen werden getestet.

Putin erwähnte auch eine Hyperschall-Rakete mit Atomantrieb. 
Sie ist in der Entwicklung, es gibt Modelle, aber noch ist unklar, wann und wo sie in Dienst gestellt wird.

Steht hinter diesen neuen Waffen eine neue atomare Strategie?
Nein. Wenn jemand einen Atomschlag gegen uns führt, werden wir mit einem Atomschlag gegen das Land des Aggressors antworten. Unsere Militärdoktrin sieht vor, dass Russland Atomwaffen einsetzen kann, wenn es von einem Staat oder einer Allianz angegriffen wird, die Atomwaffen besitzt, etwa die Nato oder die USA.

Richtet sich die Hyperschallgeschwindigkeit der neuen Systeme taktisch darauf, das Antiraketenschild der USA zu durchbrechen?
Das ist nicht nötig. Schon unsere jetzigen strategischen Raketen überwinden diesen Antiraketenschild leicht. Alle Sprengköpfe fliegen in einer Wolke von Metall-attrappen ins Ziel, sozusagen Goldpapierschlangen, die auf den Radarbildschirmen große weiße Flecken produzieren, so dass der Gefechtskopf selbst nicht zu orten ist. Und ihre Überschallgeschwindigkeiten sind schon jetzt so hoch, dass sie keine Abfangrakete einholen kann.

Russland hat also die Fähigkeit zum atomaren Gegenschlag und wird sie nicht verlieren?
Ja. Die Amerikaner wissen, dass ihr Antiraketensystem gegen russische Marschflugkörper nutzlos ist. Sie können sie nur in der Startphase treffen, aber dafür müssen sie sehr nah sein, grob gesagt 500 Kilometer. Die wahre Tücke dieses Systems besteht darin, dass man von seinen Startrampen auch „Tomahawk“-Raketen abschießen kann, auf russische Städte oder auf russische Raketenschächte. Aber alles hinter dem Ural ist jenseits ihrer Reichweite. Und wir stationieren unter anderem Truppen in der Arktis, um zu verhindern, dass dort US-Kriegsschiffe mit „Tomahawk“-Raketen aufkreuzen. Weil sie unsere strategischen Raketenkomplexe im Ural und Sibirien erreichen könnten.

Wie modernisieren die Amerikaner ihr strategisches Arsenal?
Sie fangen erst damit an, bisher haben sie vor allem Geld dafür bereitgestellt, sehr viel Geld, über eine Trillion Dollar. Und sie bauen schon neue leichte Gefechtsköpfe für seegestützte Raketen. Eine „Trident“-Rakete kann 18 davon tragen. Außerdem ersetzen sie die „Trident“-Raketen vieler U-Boote durch „Tomahawk“-Raketen. In einen „Trident“-Schacht passen drei „Tomahawks“, so erhöhen sie die Schlagkraft ihrer strategischen U-Boote. 

Ändern die neuen Waffen auf beiden Seiten etwas am alten Gleichgewicht des Schreckens?
Nein, ihr Einsatz bedeutet nach wie vor das Ende der Welt. Das Prinzip der Abschreckung bleibt in Kraft. Allerdings perfektionieren die USA auch ihre taktischen Atomwaffen. Vor allem die Nuklearbombe B61, die praktisch eine Rakete ist. Sie steigern ihre Treff-Genauigkeit und Reichweite auf bis zu 100 Kilometer selbständigen Fluges, mit variabler Sprengkraft je nach Aufgabe. Faktisch bereiten sie den Einsatz dieser taktischen Atomwaffe fürs Schlachtfeld vor, etwa gegen die Taliban in Afghanistan. Eine gefährliche Kettenreaktion droht: Damit die USA sie nicht mit solchen taktischen Kernbomben angreifen, werden viele Staaten selbst Atomwaffen besitzen wollen.

Interview: Stefan Scholl

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