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Atommüll Jenseits von Gorleben

Seit Fukushima ist alles anders. Nicht nur, dass ein Tsunami in Asien acht deutsche Atomkraftwerke ausschaltete. Plötzlich scheint auch ungewiss, ob das niedersächsische Gorleben tatsächlich Standort des deutschen Atommüll-Endlagers wird.

Seit Jahren wird gegen Castor-Transporte ins Atommüll-Zwischenlager Gorleben protestiert, zuletzt am Donnerstag in Karlsruhe. Um ein mögliches Endlager könnte die Stadt im Wendland herum kommen. Foto: dpa

Am Freitag trifft sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erstmals mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer, um den Weg zu einem neuen Auswahlverfahren für die am heftigsten umkämpfte Müllkippe Deutschlands auszuloten. Gut möglich, dass dies ein historischer Tag wird – der Anfang vom Ende einer verkorksten Atommüll-Politik.

Die alten Fronten sind zerbröckelt. Zwar gilt noch immer, dass die Stromkonzerne in dem Salzstock in Niedersachsen seit 1977 schon rund 1,6 Milliarden Euro vergraben haben und auf Ergebnisse pochen. In ihrem Sinne hat Schwarz-Gelb vor gut einem Jahr die unterirdische Gorleben-Erkundung neu gestartet, die seit dem rot-grünen Atomkonsens von 2000 unterbrochen war. Doch inzwischen ist ein ehernes Tabu gefallen. Beim Atomkonsens im Sommer wurde verabredet, dass Umweltminister Röttgen bis Jahresende einen Entwurf für ein „Endlagersuchgesetz“ vorlegen soll. Und nun sperren sich auch Baden-Württemberg und Bayern nicht mehr dagegen, ihr Terrain durchchecken zu lassen.

Kretschmann drängt auf Lösung

Der neue grüne Stuttgarter Ministerpräsident Winfried Kretschmann lehnt sich dabei am weitesten aus dem Fenster. Es müsse bundesweit der beste Standort gefunden werden, „egal, wo er liegt“, meint er. „Die Zeit ist reif, auch die Entsorgung der Wärme entwickelnden radioaktiven Abfälle im Konsens zu lösen“, sagte er der Berliner Zeitung. Die verfahrene Situation müsse endlich aufgebrochen werden. Von dem Treffen mit Röttgen erwartet er, dass Eckpunkte für das Verfahren bei der Endlagersuche festgelegt werden.

Sein Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat auch schon einen Fahrplan vorgelegt, wie die neue Suche ablaufen könnte. Bundesweit vier mögliche Standortregionen würden aufgrund vorhandener Daten ausgewählt, danach ab 2014 genauer untersucht, um bis 2021 die zwei besten Standorte zu identifizieren. Diese würden dann erkundet. Die endgültige Entscheidung fiele Ende der 2020er-Jahre. Fertig wäre das Atommüll-Lager zwischen 2035 und 2040.

Gorleben soll, meint man in Stuttgart, zumindest vorerst mit in der Auswahl bleiben. Es spreche zwar „sehr viel gegen den Standort“, meint Untersteller. „Aber um den Konsens auch mit Union und FDP zu bekommen, wird man ihn wohl drin lassen müssen.“ Natürlich wissen Kretschmann und Kollegen, dass sie sich selbst Bürgerprotest im Gorleben-Stil einhandeln könnten. Doch der Grüne sagt dazu: „Grundsätzlich ist bei einer bundesweit ergebnisoffenen Standortsuche kein Bundesland von vornherein ausgeschlossen.“ Aber ob dann wirklich ein Standort in Baden-Württemberg in Frage komme, sei erst nach umfangreichen Untersuchungen und Vergleichen mit anderen Standorten zu entscheiden.

Protest am Bodensee

Klar ist: Zumindest Voruntersuchungen würde es auch in Kretschmanns Südwesten geben. Denn dort finden sich zwar keine Salzstöcke wie in der norddeutschen Tiefebene. Aber es gibt Ton-Formationen, die sich eignen könnten. Es geht um die Region Ulm und den Kreis Konstanz am Bodensee. Beide finden sich in einem Bericht zu möglichen Lagerstätten, den die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) 2000 herausgegeben hat. Duldsam waren die Betroffenen damals nicht. Im Gegenteil. Der Regionalverband Donau-Iller sprach sich gegen jede weitere Untersuchung der Tongesteine bei Ulm aus. Und auch am Bodensee gab es Protest.

Doch nicht nur Baden-Württemberg müsste bei der Endlagersuche mitmachen. Regionen, die nach den vorliegenden geologischen Daten grundsätzlich geeignet wären, gibt es eine ganze Reihe. Die BGR benannte Salzstöcke in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Untersuchungswürdige Ton-Gesteine gibt es nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und im Südwesten Brandenburgs. Granit als „Wirtsgestein“ für ein Endlager kommt auch in Frage. Bayern und Sachsen weisen solche Formationen auf. Unter Experten gilt der deutsche Granit aber als zweite Wahl.

Endlager in Niedersachsen wahrscheinlich

So offensiv wie Baden-Württemberg geht bisher kein anderes Land mit dem Thema um. Kretschmanns bayerischer Kollege Horst Seehofer (CSU) kündigte im Überschwang des Atomkonsenses im Sommer zwar an, dass sein Land bei einer neuen Auswahl mitmacht. Der damalige Umweltminister Markus Söder (CSU) ruderte aber zurück.

Niedersachsen, das Land von Gorleben, Asse und Schacht Konrad, traut allerdings dem erhofften Aufbruch in der Endlagerfrage offenbar nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass das „beste“ Endlager wieder in Niedersachsen liegen würde, ist nämlich hoch. Experten schätzen, dass sich hier der Großteil der bundesweit geeigneten Standorte findet. Die CDU/FDP-Regierung in Hannover rückt daher zunehmend von der bisherigen Endlager-Doktrin ab. Sie fordert, den heißen Atommüll nicht für immer und ewig tief in der Erde einzulagern. Das neue Zauberwort heißt: „rückholbare Lagerung“ (siehe Interview) – in alten AKW, in Bunkern oder auch unter der Erde. Solche Lagerstätten, so dürfte das Kalkül lauten, gibt es schließlich überall in Deutschland.

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