Lade Inhalte...

Atomkraft in Frankreich Zukunft der Kernenergie erstmals ein Thema

Selbst nach der Katastrophe von Fukushima bereiten Atomkraftwerke der französischen Bevölkerung kaum Kopfzerbrechen. Ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl entdecken die Parteien das Thema für sich. Grüne und Sozialisten wollen jetzt sogar einen Teilausstieg anstreben.

22.11.2011 15:08
Francois Hollande, der oft für seine „weichen“ Positionen gescholten wird, will zwar das älteste AKW Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze sofort abschalten. Der umstrittene neue Druckwasserreaktor EPR in der strukturschwachen Normandie soll aber weiter gebaut werden. Foto: AFP

Die Angst um den Arbeitsplatz ist die Hauptsorge der Menschen in Frankreich. Ganz und gar sorglos scheinen die Franzosen dagegen laut einer neuen Umfrage mit der Atomkraft umzugehen - trotz des Unglücks im japanischen Fukushima. Die Kernenergie landete unter den 13 Punkten, die nach einer Liste des Meinungsforschungsinstituts CSA den Franzosen Kopfzerbrechen bereiten, auf dem letzten Platz. Dabei sind die Parteien ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl erstmals dabei, eine Debatte um die Zukunft der Atomenergie zu führen. „Dass man über die Atomkraft spricht, ist etwas völlig Neues in Frankreich“, sagt der Leiter des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (CERFA), Hans Stark.

Anlass für die Diskussion ist ein Wahlbündnis, das Grüne und Sozialisten vor einer Woche schmiedeten und das eine Abschaltung fast der Hälfte der französischen Reaktoren bis 2025 vorsieht. Für den größten Atomstromproduzenten Europas wäre das im Falle eines Wahlsieges der Sozialisten im nächsten Frühjahr ein tiefer Einschnitt. Prompt meldete sich Präsident Nicolas Sarkozy, der gerne wiedergewählt werden würde, zu Wort und machte klar: „Als Staatschef werde ich nichts an der Atomkraft ändern“.
Dabei sind sechs von zehn Franzosen für einen langsamen Ausstieg aus der Atomenergie, wie ihn der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande vorschlägt. Der 57-Jährige will den Anteil der Atomkraft von derzeit 75 Prozent bis 2025 auf 50 Prozent der Stromversorgung verringern. Was sich im Vergleich zu Deutschland wie ein kleiner Schritt anhört, ist nach Ansicht Starks „unheimlich viel“. In der Größenordnung sei das durchaus mit Deutschland vergleichbar, wo der Anteil der Kernenergie von rund 22 Prozent auf Null heruntergefahren werden soll.

Allerdings ist die Art und Weise, wie dieser Teilausstieg aussehen soll, zwischen Sozialisten und Grünen umstritten. Hollande, der oft für seine „weichen“ Positionen gescholten wird, will zwar das älteste Akw Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze sofort abschalten. Der umstrittene neue Druckwasserreaktor EPR in der strukturschwachen Normandie soll aber weiter gebaut werden. Genau dieses ultramoderne Akw, das Frankreich nach seiner Fertigstellung in fünf Jahren 60 Jahre lang mit Strom versorgen soll, ist den Grünen ein Dorn im Auge. „Bis 2076! Das ist nicht das, was man unter einem Atomausstieg versteht“, wettert der Grünen-Abgeordnete Yves Cochet.
Seine Partei, die seit ihren fast 17 Prozent bei der Europawahl 2009 im Aufwind ist, will die Atomkraft zum zentralen Wahlkampfthema machen. „Die Kampagne wird sich nicht darauf begrenzen, aber die Energiewende ist eine grundlegende Frage“, sagt der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der ein Referendum über den Atomausstieg fordert.

Genau gegen diese Energiewende machen der Kraftwerksbetreiber Areva und der Stromkonzern EDF mobil, die beide staatlich kontrolliert sind. Eine Million Arbeitsplätze würden bei einem Atomausstieg verloren gehen, warnt EDF-Chef Henri Proglio. Areva soll bereits den Abbau von weltweit tausenden Stellen vorbereiten. „Im Moment ist das Thema nicht von der Wirtschaftskrise zu trennen“, meint Stefan Seidendorf vom deutsch-französischen Institut in Ludwigsburg.
Massendemonstrationen für einen Atomausstieg wie in Deutschland sind deshalb in Frankreich, das ohnehin stärker mit der Krise zu kämpfen hat, nicht zu erwarten. Auch gegen den Castor-Transport, der am Mittwoch von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben losfährt, dürften nur einige Aktivisten protestieren. Aber die Atom-Debatte wird weitergehen und - da sind sich die Experten einig - ein Ende ist nicht abzusehen. (afp)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen