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Atomkraft Die Asse steht vor der „heißen Phase“

Im Dezember beginnen im maroden Atommülllager Probebohrungen zu den Kammern mit radioaktivem Material.

Patrick Rücker steht vor dem „Blowout-Preventer“. Das rote Metallteil sitzt auf dem neuen Bohrgerät, das in 800 Meter Tiefe im Asse-Stollen getestet wird. Der Preventer soll verhindern, dass bald, im „heißen Betrieb“, radioaktive Gase oder Partikel aus den Löchern strömen, die Rücker und seine Kollegen in die Kammern mit Atomfässern bohren. Rücker, 33-jähriger Arbeiter im Bergwerk, hält das für eine bombensichere Sache.

Doch Rücker und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das das marode Atomlager Asse bei Wolfenbüttel sanieren muss, betreten Neuland. Dort unten, wo 126000 Fässer Atommüll seit mehr als 30 Jahren vor sich hin rosten, hat die „Kalterprobung“ der Technik zur Analyse der Lagerkammern begonnen: Salzgestein wird an einer Stelle angebohrt, an der keine radioaktiven oder giftigen Stoffe eingelagert sind. Man will den Preventer erproben und die Sonden, die bei „heißen“ Bohrungen die Atomfässer und radioaktive Stoffe aufspüren werden. Nur ein Teil der Fässer ist geordnet eingelagert. Viele wurden vom früheren Betreiber auch einfach abgekippt, mit Salzgrus abgedeckt und zuplaniert.

Mit der Erprobung beginnt die weltweit wohl teuerste Sanierung eines Atomlagers. Das ehemalige Kali- und Salzbergwerk Asse II diente von 1967 bis 1978 ohne ausreichende Genehmigung als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Zur Sanierung der Anlage, die einsturzgefährdet ist und in die seit den 80er Jahren Wasser eintritt, sollen die Atomfässer geborgen und anderswo endgelagert werden; im Gespräch ist Schacht Konrad bei Salzgitter. Die Gesamtkosten schätzt das Bundesumweltministerium auf 3,7 Milliarden Euro.

Beschädigte Fässer

Im nächsten Schritt werden bald zwei der 13 Kammern angebohrt, in denen die teils mit Beton ummantelten Fässer lagern. Die „heiße Phase“ soll im Dezember bei Kammer sieben starten, 750 Meter unter der Erde. In der Kammer liegen mehr als 4300 Gebinde. Bereits durch das Abkippen dürften die Fässer eingedellt und aufgerissen sein, der Druck des nachrutschenden Salzgesteins und Korrosion taten ihr Übriges.

„Die Fässer sind vermutlich verbeult und zerfressen“, glaubt BfS-Chef Wolfram König. Erst die Bohrungen, die 20 Meter und mehr durch einen Riesen-Pfropf aus Beton, Asphalt und Bitumen dringen müssen, werden es genau zeigen. Die Fachleute wissen aber aus seismischen Messungen, dass in den Kammern „einiges los ist“. „Man hört die Betonbehälter knacken“, sagt Dirk Laske vom BfS.

Im dritten Schritt, vermutlich 2013, will das Bundesamt versuchen, die ersten Fässer aus den Kammern zu holen. Das Problem: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Radioaktivität ausgetreten. Zudem dürften die Gebinde fest mit dem Salzgrus verbacken sein. Das BfS will klären, wie hoch die Strahlenbelastung der Mitarbeiter wäre, wie lange das Rückholen dauern würde und wie viel mit ferngesteuerten Maschinen geborgen werden könnte.

Prognosen zur Dauer der Gesamtoperation wagen die Experten nicht. Allein die nötige Umrüstung des Asse-Schachts würde vier Jahre dauern, der Bau eines zweiten Schachts sogar neun Jahre. Zudem müsste ein Zwischenlager in der Größe mehrerer Turnhallen gebaut werden.

Doch die Zeit drängt: Die Standsicherheit der Asse gilt nur bis 2020 als gesichert. Das BfS füllt Hohlräume mit großen Mengen von Spezialbeton, das soll Zeit bringen.

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