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Asylunterkünfte Die Folgen des Lagerkollers

Ein Jahr nach dem großen Andrang leben viele Geflüchtete in Massenunterkünften. Die großen Heime erschweren die Integration von Neuankömmlingen.

Triste Unterkunft und Langeweile verstärken oder erzeugen psychische Probleme. Foto: epd

Die Leute sagten immer, „Parwiz, du kannst dich glücklich schätzen“, erzählt Parwiz Rahimi. Das tue er auch, sagt der 31-jährige Afghane. Denn nur wenige Wochen, bevor Mitte Dezember der erste Sammelabschiebeflug nach Afghanistan vom Frankfurter Flughafen startete, erfuhr Rahimi, dass er in Deutschland bleiben darf. Und kürzlich konnte er endlich ein WG-Zimmer beziehen. Fast exakt ein Jahr, nachdem er im November 2015 nach Deutschland geflüchtet ist, endete damit für Parwiz Rahimi die Zeit in wechselnden Gemeinschaftsunterkünften. Landauf, landab müssen aber noch immer Tausende Geflüchtete in solchen Unterkünften ausharren.

Wie viele Geflüchtete deutschlandweit in Großunterkünften untergebracht sind, lässt sich wegen der von Kommune zu Kommune unterschiedlichen Situation kaum erheben. Allein auf Hessen bezogen, hatte schon vor rund einem Jahr eine Umfrage der FR bei allen Landkreisen und kreisfreien Städten ergeben, dass die Zahl großer Gemeinschaftsunterkünfte allerorten anstieg – von Wohnwagensiedlungen über Container-camps bis zu Turnhallen, Kasernen und Bürokomplexen „Die Tendenz geht zu zentralen Großunterkünften“, sagt Fritz Rickert, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates, auch heute noch. Seit August ist er mit zwei Kolleginnen auf „Lagertour“ in Hessen unterwegs, um sich ein Bild vor Ort zu machen und mit Asylsuchenden zu sprechen.

Wenige erhalten Wohnungen

In Frankfurt etwa, das einst auf dezentrale kleine Wohneinheiten setzte, leben laut Stabsstelle Flüchtlingsmanagement noch rund 1000 der mehr als 5000 zugewiesenen Geflüchteten in Notunterkünften ohne Möglichkeit zur Selbstverpflegung. Viele seien schon länger als ein Jahr in so einer Unterkunft, sagt Sprecherin Christina Weber. In der größten Unterbringung, einem Bockenheimer Bürohochhaus, wohnen aktuell rund 450 Menschen, weitere Bleiben sind ebenfalls für 400 bis 500 Menschen ausgelegt.

Aber auch die sogenannten Übergangsunterkünfte, die etwas mehr Privatsphäre und Kochgelegenheiten bieten, sind kaum kleiner: mehr als 300 Menschen bewohnen etwa die Modulbauten am Alten Flugplatz Bonames. Dazu kommen rund 1400 in Hotels einquartierte Personen – nur etwa 200 konnten wie Parwiz Rahimi Wohnungen beziehen.

„Das ist sehr problematisch für die Integration vor Ort, weil es den Kontakt zur Bevölkerung erschwert und Vorurteile begünstigt“, sagt Fritz Rickert vom Flüchtlingsrat. Zwar sei der Zustand der Unterkünfte regional sehr unterschiedlich. Ein generelles Problem sei aber, dass es kaum Rückzugsmöglichkeiten und häufig keine Gemeinschaftsräume gebe, in denen die Menschen sich aufhalten könnten. Das führe zu einem hohen Geräuschpegel auf den Fluren und in den Schlafzimmern, auf Dauer eine Belastung, gerade für Menschen mit traumatischen Kriegs- und Fluchterfahrungen. Außerdem sei der Schutz von Frauen oft nicht gewährleistet, ergänzt seine Kollegin Miriam Modalal.

Wenn Parwiz Rahimi von einem Jahr ohne Privatsphäre berichtet, klingt diese Belastung zwischen den Zeilen durch, auch wenn der 31-Jährige positive Aspekte in den Vordergrund stellt. Dass es in der Hamburger Sporthalle, in der er anfangs lebte, Trennwände gegeben habe, mit der kleine „Zimmer“ abgeteilt werden konnten, etwa. Oder dass es im alten Frankfurter Neckermann-Gebäude, das bis zum Sommer als Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung diente, „fair“ zugegangen sei: „Erst musste ich mit rund 50 Menschen in einem Raum schlafen. Aber weil es genug Platz gab, durften wir in einen Raum mit 15 Personen umziehen, und wir hatten Schränke für unsere Sachen.“

Etwa drei Monate habe er in dem für 2000 Menschen hergerichteteten Gewerbebau wohnen müssen, sagt Rahimi, davor war er noch kurz in der Gießener Erstaufnahme gewesen. Der nächste Transfer habe ihn dann erneut in eine Notunterkunft gebracht: Mehr als ein halbes Jahr hauste er in einer Frankfurter Schulturnhalle. Auf einem Blog im Internet sind Bilder zu sehen, die der als Gasthörer an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung eingeschriebene Fotograf Rahimi in der Unterkunft gemacht hat. „House“ steht unter einem Foto der dicht an dicht gestellten Hochbetten unterm Basketballkorb, „Private work place“ unter einem weiteren, das Rahimi und zwei weitere Männer auf einem Bett über Deutschbücher gebeugt zeigt.

Freunde und WG gefunden

„So ein Camp ist auf Dauer wie ein Gefängnis, es macht dich depressiv“, sagt Rahimi. Streit habe es häufig gegeben, etwa in den langen Schlangen für die drei Duschen, die sich rund 100 Menschen teilten. „Du hältst das so lange Zeit nur aus, wenn du nach Gemeinsamkeiten suchst und versuchst, dich mit den Leuten zu arrangieren. Du hast keine Wahl, du wirst die Leute ja am nächsten Tag auch wiedersehen.“ Tischtennis, Teetrinken, Musikhören hätten zum sozialen Frieden beigetragen.

Den Mangel an Privatsphäre habe das aber nicht aufwiegen können, sagt Rahimi. Er habe die Zeit in der Halle letztlich nur aushalten können, weil er bis abends unterwegs war – Sprachkurse besuchte, sich an Kulturprojekten beteiligte, Freundschaften schloss. Und so am Ende auch seine WG fand, in der er nun mit einer Mitbewohnerin Deutsch üben – oder auch einfach mal die Tür zu seinem Zimmer hinter sich schließen kann, wenn er seine Ruhe braucht.

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