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Armut Die Zahl der Wohnungslosen explodiert

Die Zahl der Wohnungslosen hat sich laut einer Schätzung innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt. Ein Ende des Trends ist nicht absehbar.

Obdachlose
Nur ein geringer Teil der Wohnungslosen lebt tatsächlich ohne jede Unterkunft auf der Straße. Foto: dpa

Die explodierenden Mietpreise in deutschen Ballungsräumen treiben immer mehr Menschen in die Wohnungslosigkeit. Darauf machte am Dienstag die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin aufmerksam.

Nach ihren Schätzungen hatten im vergangenen Jahr zirka 860.000 Personen keine eigene Unterkunft. Binnen zwei Jahren entspreche das einem Anstieg um 150 Prozent, teilte der Verband mit.

Und die Situation werde sich weiter dramatisch verschlimmern: Bis zum kommenden Jahr sei noch einmal mit einem Zuwachs um zirka 350.000 auf dann 1,2 Millionen wohnungslose Menschen zu rechnen. Das wäre dann eine weitere Steigerung um zirka 40 Prozent, betonte die Arbeitsgemeinschaft.

Viele Flüchtlinge betroffen

Etwa die Hälfte der Wohnungslosen sind Flüchtlinge. „Die Zuwanderung hat die Gesamtsituation dramatisch verschärft, ist aber keinesfalls alleinige Ursache der neuen Wohnungsnot“, betonte der Geschäftsführer des Vereins, Thomas Specht.

Nur ein geringer Teil der Wohnungslosen lebt tatsächlich ohne jede Unterkunft auf der Straße. Die große Mehrheit lebt beispielsweise in Gemeinschaftseinrichtungen oder kommt zumindest vorübergehend privat unter. Aber auch im Hinblick auf diejenigen Menschen, die als Obdachlose auf der Straße leben müssen, ist die Entwicklung dramatisch: Nach der Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft waren zuletzt rund 52.000 Menschen betroffen – was gegenüber 2014 einem Anstieg um ein Drittel entspricht.

Etwa zwei Drittel aller wohnungslosen Menschen sind den Angaben zufolge alleinstehend, gut ein Drittel lebt mit einem Partner und/oder mit Kindern zusammen. Fast jeder zehnte Wohnungsloser ist ein Kind, drei von vier Betroffenen sind erwachsene Männer. Bei diesen Zahlen sind wohnungslose Flüchtlinge nicht berücksichtigt.

Etwa zwölf Prozent der Wohnungslosen (ohne Flüchtlinge) sind EU-Bürger, viele leben auf der Straße. Vor allem in den Metropolen sei mitunter jeder zweite Obdachlose ein EU-Ausländer, berichtete der Verband.

„Die Zuwanderung wirkt zwar verstärkend, aber die wesentlichen Ursachen für Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit liegen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit der unzureichenden Armutsbekämpfung“, sagte Specht.

Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum sei zu gering, der Sozialwohnungsbestand schrumpfe ständig. Überdies hätten Bund, Länder und Kommunen eigene Wohnungsbestände an private Investoren verkauft. „Damit haben sie Reserven bezahlbaren Wohnraums aus der Hand gegeben.“

Bundesweit fehlen den Angaben zufolge mindestens 11 Millionen Kleinwohnungen. Der Mangel an Ein- bis Zweizimmerwohnungen habe zu einem extremen Anziehen der Mietpreise in den Ballungsgebieten geführt. In ganz Deutschland gebe es fast 17 Millionen Einpersonenhaushalte. Dem habe zuletzt nur ein Angebot von 5,2 Millionen Ein- bis Zweizimmerwohnungen gegenübergestanden.

Die Arbeitsgemeinschaft fordert von der künftigen Bundesregierung eine Kraftanstrengung, um die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entspannen. „Der Bund muss deutlich mehr Verantwortung in der Wohnungspolitik übernehmen, vor allem auch über das Jahr 2019 hinaus“, sagte Vereins-Vize Werena Rosenke.

Gemeint ist damit eine Anschlussregelung für die Finanzierung des sozialen Wohnungsbaus: Seit 2006 sind die Bundesländer für dessen Förderung allein zuständig, der Bund trat seine Kompetenzen damals im Zuge der Föderalismusreform ab. Ehedem betrachtete man den Bau von Sozialwohnungen als Auslaufmodell, die Mietmärkte in den meisten Ballungsräumen waren noch relativ entspannt.

Die Länder erhalten noch bis  2019 Geld für den sozialen Wohnungsbau vom Bund, danach ist Schluss. Um die Förderung von Sozialwohnungen wieder zu einer Gemeinschaftsaufgabe zu machen, wäre eine Änderung des Grundgesetzes notwendig.

Überdies fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft spezielle Programme zur Prävention von Wohnungsverlusten und zur Versorgung der aktuell wohnungslosen Menschen mit Wohnraum. Hier seien auch die Kommunen in der Pflicht. Dem Verein schweben unter anderem Quoten für die Vermietung von geförderten Wohnungen vor sowie die gezielte Akquirierung von Beständen bei privaten Vermietern und Wohnungsgesellschaften, um Menschen in Notfallsituationen mit Wohnraum zu versorgen.

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