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Antisemitismus Sollen Schüler verpflichtend KZ-Gedenkstätten besuchen?

Wenig Zustimmung erhält ein Vorschlag von Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrates der Juden.

Sachsenhausen
Das ehemalige Konzentrationslager der Gedenkstätte Sachsenhausen. Sollen Schüler verpflichtend die Gedenkstätten besuchen? Foto: Imago

Lässt sich mit verpflichtenden Besuchen von ehemaligen Konzentrationslagern in den Schullehrplänen etwas gegen Antisemitismus in Deutschland tun? Den Vorschlag hatte, auch angesichts der gestiegenen Zahl antisemitischer Straftaten, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, gemacht. Für Oberschüler sollte die Besichtigung einer KZ-Gedenkstätte zur Pflicht erhoben werden.

Doch dem Vorstoß wird mit viel Skepsis begegnet. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagt der FR, er wünsche sich zwar, dass der Besuch authentischer „Orte der Unmenschlichkeit und des Rassismus“ zu Lehrplänen werde. „Aber es muss so gemacht werden, dass es nicht als Zwang empfunden wird.“ Er fügte hinzu: „In der DDR hat es einen staatlich verordneten Antifaschismus gegeben. Das war teilweise kontraproduktiv.“ Auch dürfe man Schüler nicht überfordern.

Der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, Wolfgang Benz, erklärte: „Alles, was Pflicht ist, ist deshalb nicht automatisch wirkungsvoll. Wenn man die Besuche, die es schon gibt, zur Pflicht macht, werden sie an Wirkung verlieren.“

Zentralratschef Schuster hatte dem MDR gesagt, durch Besuche an authentischen Orten könne die Geschichte begreifbarer werden. Er halte „solche Besuche auch für Schüler mit Migrationshintergrund, also deren Vorfahren nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, für sinnvoll.“ In einer solchen Gedenkstätte werde „sichtbar, wohin die Diskriminierung und Verfolgung einer Minderheit im Extremfall führen kann“. Auch der 84-jährige Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Leipzig, Rolf Isaacsohn, plädierte für Pflichtbesuche von Schülern: „Freiwillig haben ja manche Scheu davor, das zu sehen oder zu erleben.“

Zwang das falsche pädagogische Mittel

In der DDR waren Besuche von KZ-Gedenkstätten für jeden Schüler verpflichtend, meistens im Rahmen der Jugendweihe. Jetzt steht nach Erkenntnissen des MDR nur noch in Bayern der Besuch einer KZ-Gedenkstätte im Rahmen einer Schulexkursion auf dem Lehrplan.

In Berlin plädiert nun die mitregierende Linkspartei dafür, dass jede Oberschule ihren Schülern zumindest eine KZ-Gedenkstättenfahrt anbietet. „Den fatalen Forderungen von AfD-Vertretern nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit und dem Wiedererstarken von Holocaustleugnern müssen wir entgegentreten“, sagte Regina Kittler, bildungspolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, der FR. Laut den Rahmenlehrplänen für Geschichte ist für die 7. bis 10. Klasse jährlich mindestens der Besuch eines außerschulischen Lernortes festgelegt.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) wandte sich unterdessen gegen einen im Lehrplan verordneten Gedenkstätten-Besuch. Zwang sei das falsche pädagogische Mittel, sagte sie dem MDR. Auch die Gedenkstätte Buchenwald lehnt eine Pflicht ab. Deren Sprecher Philipp Neumann-Thein sagte dem Sender, jahrzehntelange Erfahrungen zeigten, „dass bei freiwilligen Gedenkstättenbesuchen die Eigenmotivation der Besucher deutlich höher ist, sich intensiv und nachhaltig mit Buchenwald und seiner Geschichte auseinanderzusetzen“.

Auch der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) begrüßt es, wenn Schüler KZ-Gedenkstätten besuchen. Eine Pflicht dazu lehnt er allerdings ab. „Über Zwang löst man relativ wenig aus“, sagte sein Sprecher Philipp Bender der FR. „Die Schulen selbst müssen entscheiden, wie sie das einbauen wollen und können.“ Aus hessischer Sicht sollte es für Schülerinnen und Schüler aus Geschichtsleistungskursen dazugehören, dass sie sich anschaulich mit den Folgen des Nazi-Terrors beschäftigen, etwa in einer KZ-Gedenkstätte oder am Ort ehemaliger Synagogen. Minister Lorz hatte den Gedenktag zur Reichspogromnacht am Donnerstag dazu genutzt, die Gedenkstätte im hessischen Hadamar mit einer Klasse der örtlichen Fürst-Johann-Ludwig-Schule zu besuchen. In der „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hadamar waren zur Nazi-Zeit fast 15.000 Menschen umgebracht worden.

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