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Antisemitismus Judenwitze auf dem Spielplatz

Unter Juden in Deutschland sind Antisemitismus-Erfahrungen weit verbreitet - zu diesem Schluss kommt die Frankfurter Forscherin Julia Bernstein im Gespräch mit Betroffenen.

Tatort Spielplatz
Das Gefühl der Bedrohung ist für die meisten Juden allgegenwärtig. Foto: imago

Sie fühlen sich fremd und unverstanden, werden angegriffen: Unter Juden in Deutschland sind Antisemitismus-Erfahrungen weit verbreitet. Entsprechend lautet das ernüchternde Fazit einer aktuellen Studie der Frankfurter Soziologin Julia Bernstein: Jüdische Identität und jüdisches Leben sind hierzulande trotz aller Bemühungen seit 1945 keine Selbstverständlichkeit. Eine der von ihr Befragten drückt es so aus: „Das Wort ‚Jude‘ lässt hier niemanden gleichgültig“.

Gemeinsam mit dem Team des Bielefelder Konfliktforschers Andreas Zick hat Bernstein für den Expertenkreis Antisemitismus die jüdische Perspektive auf das Problem erforscht. Für den qualitativen Teil der Studie hat sie Dutzende Jüdinnen und Juden ausführlich interviewt und auch Experten aus jüdischen Organisationen befragt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Antisemitismus in den vergangenen Jahren nicht nur zugenommen hat, sondern auch salonfähiger wird und in ganz verschiedenen Gruppen der Gesellschaft deutlich offener geäußert wird. Die Befragten berichten von ins Auto geritzten Hakenkreuzen, von Beschimpfungen im Internet. Eine Frau beschreibt eine Situation auf dem Spielplatz, den sie mit ihrer Tochter besucht. Dort hört sie, wie ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen ihrer Freundin einen Witz erzählt: „Was sagt man, wenn man Juden sieht? Gib Gas!“

„Was mich am meisten erschreckt hat, ist die Tatsache, dass die Schule einer der Hauptorte antisemitischer Diskriminierung ist“, sagt Forscherin Bernstein. „‚Du Jude‘ ist inzwischen eines der meistgebrauchten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen, ‚mach doch keine Judenaktion‘ wird als Synonym für verräterische, von Geiz getriebene Handlungen verwendet.“ Die Lehrer seien komplett überfordert mit diesem alltäglichen Antisemitismus, der selbst zum Tragen komme, wenn es keine jüdischen Kinder an der Schule gebe, so Bernstein. „Das wird dann einfach als Jugendsprache bagatellisiert“, berichtet sie, „nach dem Motto: ‚Das war doch nicht so gemeint‘.“

Das Gefühl der Bedrohung ist für die meisten allgegenwärtig. Die Mehrzahl der Interviewten vermeidet das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit. Eine Frau berichtet von einer Zugfahrt mit ihrer Tochter, bei der sie Matzen, ungesäuerte Brotfladen, als Proviant dabei hatte. Das Mädchen habe Panik gekriegt: „Das dürfen wir nicht essen im Zug! Jemand könnte erkennen, dass wir jüdisch sind!“

Die Angst bezieht sich auf ganz unterschiedliche Formen und Akteure. Viele der Befragten berichten über Angriffe muslimischer Gruppen oder Personen. Doch auch der Antisemitismus der gebildeten Mittelschicht wird häufig thematisiert. Ein orthodoxer Rabbi berichtet beispielsweise von einem langen Gespräch mit einem offenbar gebildeten Mann. Der habe ihm erklärt, es sei schade, dass Hitler seine Arbeit nicht fertiggemacht habe. Die Juden seien die Reichsten, weil sie stehlen, sie machten alles kaputt und beherrschten die Welt. „Das sind die Fälle, die mich zehntausendmal mehr berühren und ärgern als diese Jugendlichen, die manchmal sogar schlagen“, sagt der Rabbi.

Antisemitische Stereotype wie die vom reichen Juden oder der jüdischen Weltverschwörung sind demnach fest verankert in weiten Teilen der Bevölkerung. Eine der Befragten berichtet beispielsweise von einem Kommilitonen im Lehramtsstudium, der als angehender Geschichtslehrer von „geschichtlich erklärbaren“, von Juden bewirkten Wirtschaftskrisen gesprochen habe: „Die Juden und die Banken profitieren ja vom Krieg“, lautete seine Erklärung.

Ein weiteres beherrschendes Thema: Die Kritik an Israel, unter deren „Deckmantel“ sich aus Sicht vieler Befragter ein subtiler, aber als nicht minder aggressiv erlebter Antisemitismus äußere. „Was macht Ihr da in Gaza?!“, so laute häufig die Frage an Juden in Deutschland, deren Regierungschefin Angela Merkel und nicht Benjamin Netanjahu heißt.

Der alte Topos des kindermordenden Juden etwa habe im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg 2014 und Demonstrationen dagegen eine Renaissance erlebt. „Für viele Befragte ist das Thema Israel unheimlich emotional aufgeladen“, erklärt Forscherin Bernstein. „Sie fühlen sich unverstanden, wenn der einzige Ort der Welt, an dem sie sich als Juden nicht bedroht fühlen, permanent angegriffen oder seine Legitimität in Frage gestellt wird“, fasst sie die Untersuchungsergebnisse zusammen.

Bernstein hat während ihrer Befragungen einen großen Redebedarf bei den Jüdinnen und Juden festgestellt. „Die Menschen wollen ihre Geschichte erzählen, sie wollen verstanden werden mit all ihren Sorgen“, sagt sie. „Aber sie haben Angst, dadurch wieder eine Sonderrolle einzunehmen.“ Der Wunsch nach Normalität sei groß.

Die Frankfurter Forscherin konstatiert im Fazit zu ihrer Studie einen großen Bedarf an Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu Antisemitismus, besonders im Schulsystem. Die Lehrkräfte müssten für das Thema sensibilisiert und geschult werden, um verhindern zu können, dass sich antisemitische Vorurteile und Stereotype verfestigten. Bernstein arbeitet deshalb bereits an einem neuen Projekt zur Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus mit dem Ziel, eine Broschüre für Pädagogen zu entwickeln.

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