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Antisemitismus Jagd auf Frankreichs Juden

In Frankreich nimmt die Zahl antisemitischer Attacken immer mehr zu. Präsident Macron geißelt sie als „Angriff auf die ganze Republik“.

Paris, Frankreich
Jüdische Franzosen bei den Bar Mizwa Feierlichkeiten in Paris. Foto: imago

Jugendliche haben in der Pariser Vorstadt Sarcelles ein Kind überfallen und übel zugerichtet. Ein Fall für die Staatsanwaltschaft ist das, aber nicht nur: Auch Frankreichs Präsident nahm sich des Vorfalls an. Als „Angriff auf die ganze Republik“ verurteilte Emmanuel Macron die Attacke am Mittwoch. Denn der am Montagabend auf dem Weg zum Nachhilfeunterricht überfallene achtjährige Junge trug eine Kippa. Er ist Jude. Und die antisemitischen Übergriffe nehmen zu in Frankreich. „Seit Anfang 2018 haben sie sich vervielfacht“, hatte Frankreichs Innenminister Gérard Collomb bereits vor der jüngsten Attacke festgestellt und versichert, dass er dies nicht hinnehmen werde.

Ob Davidsterne an Briefkästen jüdischer Hausbewohner, Mordaufrufe im Treppenhaus oder brennende jüdische Geschäfte – was tabu war, ist es nicht mehr. Der jüngste Brandanschlag datiert vom 9. Januar. Im Pariser Vorort Créteil ging ein Laden für koschere Lebensmittel in Flammen auf.

Wachen vor Synagogen und jüdischen Schulen

Nicht mal mehr die eigenen vier Wände verheißen Sicherheit. So war im September ein jüdisches Ehepaar in seiner Wohnung überfallen, mehrere Stunden festgehalten und erpresst worden, weil „Juden reich sind“, wie die Täter später zu Protokoll gaben. Zuvor hatte die Ermordung einer jüdischen Rentnerin Aufsehen erregt. Der Täter, ein unter Cannabiseinfluss stehender 27-jähriger Nachbar, war in die Wohnung der Frau eingedrungen. Er misshandelte sie und warf sie schließlich unter Allah-Akbar-Rufen (Allah ist groß) vom Balkon. Ein psychiatrischer Gutachter attestiert dem strafrechtlich zurechnungsfähigen Täter „antisemitischen Wahn“.

In Sarcelles war vor knapp drei Wochen bereits eine 15-jährige jüdische Schülerin auf dem Heimweg überfallen worden. Sie kam nach Schlägen ins Gesicht mit einer aufgeplatzten Wange heim. Nun sollen die bereits aufgestockten Sicherheitskräfte noch weiter verstärkt werden.

Vor Synagogen und jüdischen Schulen wachen sie ohnehin schon. Im ganzen Land marschiert dort regelmäßig Polizei auf. Die Zahl der Übergriffe auf solche Einrichtungen sei zurückgegangen, sagt Frédéric Poitier, Antisemitismusbeauftragter der Regierung. In der Folge würden Juden nun zunehmend in den eigenen vier Wänden überfallen.

Mit 500 000 Juden beherbergt Frankreich die größte jüdische Gemeinschaft Europas. Dass sie als am besten integrierte, mit Abstand beliebteste Minderheit im Lande gilt, spendet nicht wirklich Trost, verheißt nicht Schutz vor Rassismus.

In Sarcelles hatte das Opfer Glück im Unglück. Zwei Jugendliche, der eine 15, der andere 16 Jahre alt, lauerten dem Schüler hinter Mülltonnen auf. Die beiden warfen den Jungen zu Boden, schlugen auf ihn ein. Sich unter ein Auto rollend gelang es dem Achtjährigen, sich den Angreifern zu entziehen.

Geschürt wird der Hass von islamischen Fanatikern. Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer, die sich als Bürger zweiter Klasse erleben, die ihre maghrebinischen Wurzeln verloren und in Frankreich nicht wirklich Fuß gefasst haben, sind für die sich vor allem über soziale Netzwerke ausbreitende antisemitische Botschaft empfänglich.

Sie empören sich über das Leid der Palästinenser in Gazastreifen oder Westjordanland und zugleich über das eigene: die in seelenlosen Pariser Vorstädten herrschende Perspektivlosigkeit. Im Sommer 2014 hatte ein 3000 Angreifer zählender Mob in Sarcelles Synagogen gestürmt und jüdische Geschäfte angezündet. Es war die Zeit, da Israel im Gazastreifen Krieg führte.

Sarcelles große Synagoge erinnert heute an einen Militärstützpunkt in Feindesland. Haushohe Mauern, besetzt mit engmaschigem Zaundraht und Speerspitzen, bilden einen ersten Befestigungsring. Ein von Halogenscheinwerfern ausgeleuchteter Innenhof schließt sich an. Es folgen vergitterte Tore, hinter denen ein Wachmann patrouilliert.

René Taieb, Vorsitzender des Zusammenschlusses jüdischer Gemeinschaften der Region, befürchtet, dass es bei der Attacke auf den Achtjährigen nicht bleiben wird. „Wenn jüdische Kinder in Frankreich Angriffslust auslösen, ist das sehr schlimm“, sagt er.

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